Nr. 17/2012, Seite 2: Ehrenbürgerwürde für Frau Avital Ben-Chorin

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Angesichts der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Eisenach an Avital Ben-Chorin am 11. August erklärte Bodo Ramelow, LINKE-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag:

„Das ist eine gute Entscheidung des Stadtrates, auch auf diese Weise an das Schicksal im Nationalsozialismus ermordeter, deportierter, vertriebener und in den Selbstmord getriebener Juden zu gedenken. Die Ehrung ist ein bedeutendes Ereignis für die Wartburgstadt, aber auch für ganz Thüringen.“ Besonderer Dank gelte der Oberbürgermeisterin von Eisenach, Katja Wolf.

Die Festveranstaltung sei eine Mahnung, den millionenfachen Menschenmord durch deutsche Verantwortung niemals in Vergessenheit geraten zu lassen. Die höchste Auszeichnung der Stadt einer so renommierten Persönlichkeit und Zeitzeugin zu verleihen, sei auch „eine ermutigende Geste an all jene, die die Erinnerung an die Geschichte wach halten und sich alten und neuen Neonazis in den Weg stellen“, so Bodo Ramelow.

Er hob hervor, dass Avital Ben-Chorin besonders engagiert für Verständigung und Dialog zwischen Menschen verschiedener Herkunft, Religionen und Weltanschauung eingetreten ist. Daher sei die Auszeichnung mit der Ehrenbürgerwürde auch eine „Brücke in die Zukunft“. Frau Ben-Chorin habe mit ihrem Wirken zum Ausdruck gebracht, dass das jüdische Leben zur Kultur in diesem Land gehört. Es sei zudem „ein Zeichen für eine lebendige jüdische Gemeinde in Thüringen“, dass viele Repräsentanten jüdischen Glaubens bei der Ehrung anwesend waren.

Der Fraktionsvorsitzende, der Frau Ben-Chorin persönlich kennt und schätzt, nahm als Gast an der Stadtratssitzung in Eisenach teil. „Diese Ehrenbürgerschaft ehrt die Stadt Eisenach“, sagt Bodo Ramelow, der Avital Ben-Chorin bei seinem ersten Israel-Besuch im Jahr 2008 kennengelernt hatte und sie vor zwei Jahren in Erfurt begrüßte.

Frau Ben-Chorin wurde 1923 in Eisenach als Erika Fackenheim geboren. Sie war die Enkelin des Sanitätsrats Dr. Julius Fackenheim, der noch 1933 als „einer der angesehensten und bekanntesten Ärzte der Wartburgstadt“ bezeichnet wurde. Ihr Großvater verlor 1938 seine Approbation, wurde aus Eisenach vertzrieben und starb 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt. Ihre Eltern, Alfred und Herta Fackenheim, wurden 1943 nach Theresienstadt deportiert und im Oktober 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Botschafterin der Versöhnung

Erika Fackenheim wurde als Kind Zeugin der Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Ihre Eltern wollten sie außer Landes und damit in Sicherheit bringen. Sie überließen ihrem Kind die Entscheidung. 1936, als 13jährige, entschloss sie sich, nach Palästina auszuwandern. Sie verließ Deutschland mit einem Kindertransport aus Berlin.

Beruflich war Avital Ben-Chorin als Lehrerin und Übersetzerin tätig. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem 1999 verstorbenen Religionswissenschaftler und Schriftsteller Prof. Schalom Ben-Chorin, engagierte sie sich besonders für deutsch-israelische und christlich-jüdische Beziehungen. Bereits 1963 organisierte sie den Besuch erster israelischer Jugendgruppen in Deutschland.

50 Jahre nach ihrer Emigration kam Avital Ben-Chorin erstmals nach Eisenach zurück. Die Stadt lud sie und weitere ehemalige Eisenacher Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens zur 1. Begegnungswoche ein. Seitdem war sie als Botschafterin der Versöhnung regelmäßig in ihrer Heimatstadt.         

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