Verwundbarkeit der Eigentumslosen: Zur aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Prokla“
Die Corona-Krise beschleunigt gesellschaftspolitische Debatten und vermag bisweilen sogar, ihnen neue Richtung zu geben. Über die Eigentumsfrage wird schon länger leidenschaftlich gestritten, mit der Pandemie und ihren sozialen wie ökonomischen Folgen scheint nun aber abermals ein höheres Plateau erreicht. Da wird öffentlich überlegt, Fleischkonzerne wie Tönnies zu enteignen, bei denen allzu offensichtlich Arbeitskraft ausgebeutet wird. Da wird öffentlich beraten, wie weit Rettungsverstaatlichungen gehen sollen, um Unternehmen zu stützen, die in die Krise geraten sind. Und schon vor Corona hatten der Berliner Mietendeckel oder Vorstöße wie jener von Juso-Chef Kevin Kühnert, der die Kollektivierung von Großunternehmen zur Debatte stellte, für neue Kritik an Eigentumsverhältnissen gesorgt.
„Die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie stürzte viele Menschen, wie die Ökonomie insgesamt, nach kurzer Zeit in eine existenzielle Krise“, heißt es in einem der Texte des Schwerpunkte des aktuellen Ausgabe der „Prokla“. Die Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft nimmt sich „Die Politische Ökonomie des Eigentums“ vor und blickt darauf, „welche Grundfesten die kapitalistische Gesellschaftsordnung ausmachen – Privateigentum an Produktionsmitteln und Grund und Boden – und welches profane Interesse damit verbunden ist, sobald dieses eine Größe jenseits von kleineren Handwerksbetrieben oder dem selbstgenutzten Eigenheim erreicht.“
Gastredakteurin Sabine Nuss, die unlängst mit dem Buch „Keine Enteignung ist auch keine Lösung“ (Verlag Karl Dietz Berlin) hervorgetreten ist, analysiert den Mangel an Resilienz, also der Tatsache, dass eine reiche Gesellschaft nicht in der Lage zu sein scheint, mit einer Pandemie auf der Höhe ihrer Möglichkeiten fertigzuwerden: „Das ist kein allgemein gesellschaftliches Problem, sondern verweist auf die herrschenden Eigentumsverhältnisse, die meist nicht als Ursache für diese sozialen Verwundbarkeiten in den Blick geraten.“ Dies unternimmt nun die von ihr kuratierte „Prokla“-Ausgabe und spart dabei die Suche nach Alternativen zur bestehenden Ordnung nicht aus. Was können Wirtschaftsdemokratie oder solidarische Ökonomie gegen eine Eigentumslogik ausrichten, in der die „Verwundbarkeit der Eigentumslosen“ nicht nur zu Zeiten einer Pandemie zum Ausdruck kommt? PR
Die Politische Ökonomie des Eigentums, Prokla Nr. 199 (2020), Bertz+Fischer Berlin. Infos und Bezug: prokla.de
