Solidarität, Gleichheit und Freiheit: Raul Zelik plädiert für einen »grünen Sozialismus«
Die Corona-Krise, das ist ein oft gesagter Hinweis in linken Kreisen, habe die strukturelle Unfähigkeit neoliberal verfasster kapitalistischer Gesellschaften in vielerlei Hinsicht eindringlich bestätigt: Marktlogik schwächt Gesundheitsvorsorge, nationalstaatlich vermittelte Konkurrenz verhindert gemeinsame globale Antworten, soziale und ökonomische Folgen des Pandemie-Schocks vertiefen Ungleichheit und so fort. Der Gedanke an eine radikale Alternative liegt auf der Hand, aber wohin könnte die Reise gehen und wie verläuft die Fahrt?
Raul Zelik sucht in seinem neuen Buch »Wir Untoten des Kapitals« nach einem politischen Kompass in Zeiten eines Epochenbruchs, der durch die Corona-Krise nur noch betont wird: „Klimawandel, Digitalisierung und Veränderungen im geopolitischen Machtgefüge werden die Welt in den kommenden Jahren radikal verändern. Fraglich ist, ob es zu einem change by design oder by disaster kommt, also ob eine geplante Transformation gelingt oder die Menschheit nach Naturkatastrophen und Kriegen notgedrungen anders leben müssen wird als heute.“
Damit letzteres nicht eintritt, plädiert Zelik für einen »grünen Sozialismus«, der »als dreifache Bewegung verstanden« werden solle: »Erstens als Stärkung des Gemeineigentums, das sich eben längst nicht nur in staatlicher Hand befinden kann; zweitens als Demokratisierung, was vor allem die gesellschaftliche Gestaltung von Produktion, Konsum und Entwicklung meint; drittens als Kritik des Eigentumsbegriffs zugunsten von Nutzungsregeln ohne Eigentumsverfügung.«
Für Zelik bleibt die Eigentumsfrage der zentrale Hebel, »um sich aus dieser Fremdbestimmung zu befreien« – und das ist auch der Grund, warum er am Sozialismus-Begriff festhält. »Trotz ihrer Irrungen und Verbrechen war die sozialistische Bewegung des 20. Jahrhunderts die einzige Kraft, die diese Verknüpfung von Eigentum, Macht und politischer Unfreiheit erkannt hat.« Das entlässt Linke von heute nicht aus ihrer eigenen, von autoritären Zumutungen und diktatorischer Gewalt gezeichneten eigenen Geschichte.
»Wenn die sozialistischen Staaten an diesen Punkten gescheitert sind, wie müsste dann ein neuer, grüner, aus der Gesellschaft heraus entwickelter, demokratisch-egalitärer Sozialismus aussehen?«, fragt Zelik – und gibt Antworten, die für eine Diskussion über die politische Strategie im progressiven Lager wichtige Impulse geben. Das gilt für die Dialektik von Regierungshandeln »von oben« und demokratischer Selbstbewegung von unten, das gilt für das Ineinandergreifen von sozialer und ökologischer Frage, und das gilt für die Rolle, die Solidarität, Gleichheit und Freiheit als »Beziehungsweisen« für ein linkes Projekt spielen müssten.
Zelik, dessen politisches Denken von vielfältigen Erfahrungen aus lateinamerikanischen Befreiungsversuchen geprägt ist, schließt das Buch mit einer Anekdote über eine Tradition ab, bei der sich Menschen bei politischen Aktionen gegenseitig Samen schenken. Für ihn »das passende Ausgangsbild für ein ökosozialistisches Projekt. Es trägt das Erbe der alten Linken in sich; mit all ihren Tragödien und Niederlagen. Es steht für eine wiederkehrende Zukunft und das Leben, das vor der Verwandlung in eine Ware geschützt werden muss. Vor allem aber beginnt es mit einer Geste gegenseitiger Freundschaft.« PR
Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals – Über politische Monster und einen grünen Sozialismus. Edition Suhrkamp, 328 Seiten, 18 Euro.
