Scharfe Logik, schlagfertiger Humor Emma Sachse und Marie Schulz: Die ersten beiden Frauen im Thüringer Landtag
Vor einigen Wochen hat das Urteil des Verfassungsgerichtshofes zum rot-rot-grünen Paritätsgesetz die Debatte um mehr gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Politik und Parlamenten neu entfacht. Als der erste Thüringer Landtag Ende Juli 1920 im Weimarer Fürstenhaus zusammentrat, waren unter den 56 Parlamentarier*innen gerade einmal zwei Frauen. Emma Sachse von den Sozialdemokraten und Marie Schulz von der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei.
Sachse war 1887 in Göttingen in einer Arbeiterfamilie als sechstes von neun Kindern zur Welt gekommen. Armut beherrschte den Alltag. Der Vater ungelernter Wegewärter, trugen die Mutter und die Kinder durch Heimarbeit zum Lebensunterhalt maßgeblich bei. Nach dem Schulunterricht hatte Emma wie die Geschwister beim Abwiegen und Einpacken von Seifenpulver für eine Seifenfabrik zu helfen. Nach sechs Jahren in der Volksschule arbeitete sie als Kinderwärterin in anderen Familien und wurde als 15-Jährige Dienstmädchen in Leipzig.
Hier erlebte sie „den diametralen Gegensatz in den Lebensmöglichkeiten zwischen den unterdrückten und den herrschenden Klassen“, wie es in einem Internetlexikon heißt. In der Messestadt lernte Sachse ihren späteren Ehemann kennen, einen Buchdrucker aus Altenburg. „Sie bildete sich durch die sozialistische Tagespresse ,Leipziger Volkszeitung‘ und die Frauenzeitschrift ‚Die Gleichheit‘ weiter und wurde eine engagierte Kämpferin für den Sozialismus, eine unterdrückungsfreie und frauenfreundliche Gesellschaft.“
Nach dem Umzug nach Altenburg 1913 trat Emma Sachse in die SPD ein und machte sich dort nicht zuletzt mit feministischen Themen einen Namen; unter anderem als Gesandte der sozialistischen Frauen Ostthüringens auf einer Reichsfrauentagung der SPD in Kassel nach Ende des Ersten Weltkriegs. Die Rechte der Frauen blieben ihr eine Herzensangelegenheit auch nach der Wahl in den ersten Thüringer Landtag 1920. Dort profilierte sie sich auf vielen Fachgebieten, war später unter anderem Vertreterin der SPD-Fraktion im Haushaltsausschuss, im Ausschuss für Gesetzgebung und Verwaltung, im Ausschuss für Gesetzgebung und Sozialpolitik sowie stellvertretend im Gesuchsausschuss tätig.
Seit Beginn der Weimarer Republik hatte Emma Sachse sich für die Bildung von Frauengruppen in der SPD engagiert und war zudem bei der Gründung von Ortsgruppen der Arbeiterwohlfahrt aktiv. Die AWO war 1919 von der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz in Berlin gründet worden, um eine sozialpolitische Interessenvertretung der Arbeiter*innenschaft zu ermöglichen, die zugleich Alternative zu den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden sein sollte. Auch in Thüringen bildeten sich in den 1920er Jahren – nicht zuletzt Dank des Engagements von Emma Sachse – zahlreiche lokale Gruppen. Wie auch in anderen Teilen des Landes organisierten sie „Nähstuben, Volksküchen, Werkstätten, Beratungsstellen oder Ferienverschickungen und Stadtranderholungen für Kinder. Verarmte, Invaliden oder Kranke werden in Haushalten der Nachbarschaft untergebracht. Die Aktionen werden fast komplett aus Spenden finanziert“, wie es bei der Thüringer AWO heute im Rückblick heißt: „Neben der konkreten Nachbarschaftshilfe spielt die Sozialpolitik eine wichtige Rolle. AWO-Mitglieder arbeiten in den Wohlfahrtsausschüssen von Städten und Gemeinden, als Jugendschöffen, in Sozialrentnerausschüssen oder in den örtlichen Waisenräten.“
Emma Sachse übernahm Ende der 1920er Jahre den Vorsitz im AWO-Landesausschuss des Bezirkes Großthüringen „und half dabei mit, das Elend vieler Arbeiterfamilien zu lindern“. Den Widerstand gegen die Nazis konnte das NS-Regime auch durch ihre Festnahme in „Schutzhaft“ 1933 im Altenburger Gefängnis nicht brechen. Sie unterstützte nach der Freilassung die antifaschistische Bewegung, wurde aber 1944 erneut von NS-Schergen inhaftiert und ins KZ Ravensbrück deportiert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Emma Sachse ihre Arbeit für die SPD wieder auf, befürwortete die Vereinigung von SPD und KPD. Doch das Engagement im Landesvorstand der Thüringer SED und im Parteivorstand in Berlin währte nicht lange. Nach einem halbjährigen Erholungsurlaub 1948 „erhielt sie als ehemals führendes SPD-Mitglied keine bedeutende politische Funktion mehr“.
Fast 30 Jahre zuvor war Sachse im Thüringer Landtag auf Marie Schulz getroffen, die andere der beiden ersten Parlamentarierinnen im damals noch „kleinthüringischen“ Freistaat – das preußische Thüringen hatte die Landesgründung zunächst nicht mitgemacht. Getagt wurde 1920 im Weimarer „Fürstenhaus“ am Fürstenplatz, der heute Platz der Demokratie heißt. Schulz hatte bereits zuvor im Landtag Reuß als Abgeordnete gewirkt, im Thüringer Parlament avancierte sie als Vertreterin der kleinsten Fraktion „zur redestärksten Politikerin im Landtag von Thüringen und einzigen weiblichen Fraktionsvorsitzenden“, wie es in der aktuellen Landtagsausstellung heißt.
Marie Schulz war 1882 in Schlesien in der Familie eines lokalpolitisch aktiven Fabrikdirektors zur Welt gekommen. Sie konnte die städtische höhere Mädchenschule besuchen und machte das Abitur. Was für ein Kontrast zu den Lebensumständen der nur fünf Jahre jüngeren Emma Sachse. Doch 1897 starb Schulz’ Vater, die Mutter erkrankte schwer, der Bruder Fritz kümmerte sich fortan um die Familie, die nach Freiburg im Breisgau umsiedelte, wo Hoffnung auf bessere Studienbedingungen für Marie bestand. 1909 konnte sie als eine der ersten Historikerinnen in Deutschland promovieren und wurde kurz darauf Lehrerin in Gera.
Doch auch Marie Schulz hatte eine starke politische Ader. Gemeinsam mit ihrem Bruder Fritz gehörte sie 1918 zu den Gründungsmitglieder*innen der DDP, die aus der Fortschrittlichen Volkspartei hervorgegangen war. Schon im Kaiserreich hatte es punktuelle Kooperationen mit den Sozialdemokraten gegeben. Nun, im Thüringer Landtag, wurden die Fäden wieder aufgenommen: Marie Schulz und Emma Sachse wirkten vor allem bei Initiativen für die Gleichstellung von Frauen zusammen. 1921 brachten beide gemeinsam einen Antrag auf „Zulassung der Frauen zu juristischen Berufen und Tätigkeiten“ ins Thüringer Parlament ein.
Marie Schulz hat nicht zuletzt als Bildungspolitikerin Spuren hinterlassen. Sie engagierte sich zudem vehement gegen den immer stärker werdenden Antisemitismus im Thüringen jener Jahre. „Wir halten den Antisemitismus für eine überaus gefährliche Volkskrankheit“, so formulierte es Schulz einmal, „die sich jetzt im Gefolge des Krieges zu einer ganz besonderen Höhe und Gefährlichkeit entwickelt hat.“ Auch in Fragen des Urheberrechts brachte Marie Schulz ihren Sachverstand ein – in der „Literarischen Sachverständigenkammer“ im Thüringischen Justizministerium.
1928 legte Schulz ihr Abgeordnetenmandat nieder um wieder als Oberstudienrätin an der Zabelschule in Gera zu wirken. Die Repressionen des NS-Regimes erfuhr sie unmittelbar 1933, ein Jahr später wurde sie auf der Grundlage des faschistischen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Schuldienst verdrängt – die NS-Regelung ermöglichte dies bei Beamt*innen, „die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten“.
Marie Schulz war damals 51 Jahre und starb bald darauf in Hindelang im Allgäu. „Ihre männlichen Kollegen erkannten die kluge, mutige und fleißige Parlamentarierin voll an, schätzten ihre Zuverlässigkeit in Gesetzesberatungen und ihre scharfe Logik“, hieß es 1935 in einem Nachruf, der in der Zeitschrift „Die Frau“ erschien. „Der klaren und gewandten Rednerin schenkte das ganze Haus stets seine volle Aufmerksamkeit, zumal ihre Ausführungen oft recht schlagfertig und humorvoll waren.“ PR
Mehr Informationen:
Heike Stange: Die parlamentarische Arbeit von Frauen in Thüringen und ihre politischen Biographien, in: „Jetzt endlich können die Frauen Abgeordnete werden!“ Thüringer Parlamentarierinnen und ihre Politik, Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen, Bd. 20, hrsg.v. Thüringer Landtag, Erfurt und Weimar 2003, 256 Seiten.

