Progressives Mitte-Unten-Bündnis: Dierk Hirschel über sozial-ökologische Reformpolitik

Parlamentsreport

Wer aufmerksam Zeitungen liest, kommt an den vielen Meldungen nicht vorbei, in denen neueste Ergebnisse von Studien zur Ungleichheit vorgestellt werden. Ob es nun die klaffende Lücke zwischen den Wenigen ist, die einen übergroßen Anteil am Vermögen besitzen, und dabei größeren Teilen der Gesellschaft all die Probleme überhelfen, die entstehen, wenn man vermögenslos ist. Ob es die Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und Süden ist, zwischen den Geschlechtern, zwischen Ost und West und so weiter – „das 21. Jahrhundert droht ein Jahrhundert der extremen Ungleichheit zu werden“, so heißt es in der Ankündigung zum neuesten Buch von Dierk Hirschel. Der Volkswirt ist Chefökonom bei der Gewerkschaft ver.di, zudem sitzt er seit 2012 in der SPD-Grundwertekommission.
„Die Klassengesellschaft kehrt zurück – auch in Deutschland“, heißt es beim Bonner Dietz Verlag weiter. Und auch wenn die Frage naheliegt, ob denn die Klassengesellschaft in der jüngeren Vergangenheit überhaupt weg war, ist an Hirschels Befunden vieles richtig: Soziale Spaltung gefährdet Demokratie, Raubbau an der Natur zerstört Zukunft, Klimawandel, Armut und Kriege zwingen Millionen Menschen zur Flucht. „Verantwortlich dafür ist ein entfesselter, sozial und ökologisch blinder Kapitalismus.“ Was also tun?


Hirschels Buch bringt Vorschläge für eine progressive Lösung des Problems zusammen. Im Vorwort beschreibt Ex-ver.di-Chef Frank Bsirske die Stoßrichtung: Es gehe um eine sozial-ökologische Reformpolitik, „die die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Menschen verbessert und dadurch die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zugunsten eines Mitte-Links-Bündnisses verändert“, ein „Bündnis von unteren und mittleren Arbeitnehmermilieus mit progressiven bürgerlichen Kräften“.
Es geht also um die Wiederherstellung und Ausweitung gesellschaftlicher Macht über die Wirtschaft, eine Vorbedingung zum Zurückdrängen der Folgen von Profitlogik. Denn Geschichte wird von Menschenhand gemacht, und ist also auch niemals alternativlos. Hirschel, der im Rennen um den SPD-Vorsitz war, denkt hier über die Revitalisierung der Gewerkschaften nach, darüber, wie eine gelingende Erneuerung der Sozialdemokratie aussehen könnte und „warum die Linkspartei noch gebraucht wird“. PR

 


 

Dierk Hirschel: Das Gift der Ungleichheit. Wie wir die Gesellschaft vor einem sozial und ökologisch zerstörerischen Kapitalismus schützen können, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2020, 256 Seiten, 22 Euro.