Nr. 9/2016, Seite 5: Thüringer Schulen mit Ganztagsangeboten
MdL Torsten Wolf: Bertelsmann-Studie zu Ganztagsschulen mit begrenzter Aussagekraft
Mit großem Interesse hat der bildungspolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE, Torsten Wolf, die Studie der Bertelsmann-Stiftung „Die landesseitige Ausstattung gebundener Ganztagsschulen mit personellen Ressourcen“ zur Kenntnis genommen. „Der Wert der Studie ist die umfangreiche Analyse eines ressourcengebundenen Ganztagskonzeptes. Die Schwäche der Studie ist die geringe Übertragbarkeit des Ländervergleiches auf Thüringen und die einseitige Ausrichtung des Forschungsgegenstandes auf die gebundene Form der Ganztagsschule.“
Nach der am 28. April veröffentlichten Studie liegt Thüringen bei den Lernzeiten und der Ausstattung von Ganztagsschulen im bundesweiten Vergleich auf hinteren Plätzen. Demnach haben die Schüler an Grundschulen 7,9 zusätzliche Stunden wöchentlich zur Verfügung (13,7 im Bundesdurchschnitt), an Gymnasien 3,9 (7,8) und an anderen weiterführenden Schulen 4,1 (8,2).
Dazu erklärte Torsten Wolf: „In der Studie ist überhaupt nicht erfasst, dass im Grund- und Gemeinschaftsschulbereich in diesem Schuljahr in Thüringen alle Schulen ein Ganztagsangebot vorhalten. Ein einmalig guter Wert. Auch nehmen 84,6 Prozent der Grundschüler an Ganztagsangeboten teil, 68,3 Prozent sogar länger als zehn Stunden in der Woche. Auch dies sind, von Bertelsmann nicht betrachtet, hervorragende Werte.“
Zum Hintergrund erläutert der Abgeordnete: Die Autoren der Studie gehen hingegen von einem Konzept der zugewiesenen Lehrerwochenstunden für den Ganztag aus, da sie ausschließlich die gebundene Ganztagsform untersuchen. Offene Ganztagsschulangebote, wie überwiegend in Thüringen praktiziert, sehen im Hort als Nachmittagsangebot und in der Rhythmisierung des Schulvormittages mit dem Nachmittag (Einsatz von Erzieherinnen und Erziehern auch im Unterricht als Zweitkraft) eine bessere Möglichkeit, Kinder optimal zu fördern. Die offenen Ganztagsschulangebote werden von den Bertelsmann-Forschern hingegen überhaupt nicht betrachtet.
Schulentwicklungsprozesse finden keine Berücksichtigung
Gebundene Ganztagsschulformen sehen in der Ausweitung der Unterrichtsangebote in den Nachmittag, mit längeren Pausen, zusätzlichen Angeboten und Lernzeiten im ganzen Tag, die optimale Lösung der Rhythmisierung. Beide Modelle haben Vor- und Nachteile. „Die gewählte Untersuchungsmethode benachteiligt die sehr gute Ganztagsschulentwicklung in Thüringen. Innere Schulentwicklungsprozesse, die in den letzten Jahren im Mittelpunkt standen, finden ebenso wenig Berücksichtigung, wie der hohe finanzielle Aufwand, den das relativ kleine Bundesland Thüringen durch die tarifgerechte Beschäftigung der Erzieherinnen hat. Die Aussagekraft der Bertelsmann-Studie ist daher für Thüringen als begrenzt anzusehen“, geht Torsten Wolf in seiner Analyse auf kritische Distanz. „Im Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün ist vereinbart, die Thüringer Grund- und Gemeinschaftsschulen zu echten Ganztagsschulen weiterzuentwickeln. Dies werden wir auch unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Bertelsmann-Studie in den nächsten Jahren realisieren.“
Ganztagsquote: Thüringen wird weiterhin führend sein
„Ob wir den Weg der gebundenen oder der offenen Ganztagsschule einschlagen oder ein Mischmodell wie teilgebundene Ganztagsschulen wählen, ist dabei völlig offen“, so der Abgeordnete weiter.
„Mit der Rückholung der Horte zum Land zu Beginn des nächsten Schuljahres haben wir die Voraussetzungen geschaffen, einheitliche Regelungen für alle Grund- und Gemeinschaftsschulen zu finden, unter denen sich die verschiedenen Modelle der Schulen weiterentwickeln können. Wir werden die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie dabei kritisch mit einbeziehen. Eltern, Schüler und Lehrkräfte können sich darauf verlassen, dass Thüringen in der Ganztagsquote unter besten Bedingungen weiterhin führend sein wird“, stellte der Bildungspolitiker klar.
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