Nr. 8/2017, Seite 7: „Mensch, mach dir ‘ne Rübe“
Veranstaltung der Koalitionsfraktionen zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung
In Deutschland entstehen jedes Jahr bis zu 18 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle im Wert von circa 25 Milliarden Euro. Das heißt, jeder Bundesbürger wirft Jahr für Jahr durchschnittlich 80 Kilogramm Lebensmittel weg. Zwei Drittel davon sind vermeidbarer Lebensmittelmüll. 2015 haben sich 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verpflichtet, bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren, unter ihnen auch die Bundesrepublik.
Was heißt das konkret und was kann jeder einzelne Bürger gegen Lebensmittelverschwendung tun? Diese Frage hatten am Vorabend des Weltverbrauchertages unter dem Motto „Mensch, mach dir `ne Rübe!“ die verbraucherpolitischen Sprecherinnen von Rot-Rot-Grün im Landtag gemeinsam mit Fachexperten und Vertretern des Lebensmittelhandels diskutiert.
„An erster Stelle“, so die verbraucherpolitische Sprecherin der Linksfraktion Diana Skibbe (siehe Foto r.) „steht die Sensibilisierung der Verbraucher beim Einkauf und Verbrauch von Lebensmitteln. Hier reicht uns die 2015 von der Bundesregierung begonnene Kampagne ‚Zu gut für die Tonne‘ nicht aus. Es fehlt eine einheitliche Definition und Methodik zur Erfassung und Bewertung von Lebensmittelabfällen auf EU-Ebene und es fehlen Nachhaltigkeitsstrategien mit festgelegten Zielen, wie sie beispielsweise in Großbritannien zwischen Lebensmittelhandel und Politik bereits vereinbart wurden.“
Petra Müller von der Thüringer Verbraucherzentrale machte deutlich, dass Lebensmittelverschwendung oft nicht nur an fehlendem Problembewusstsein liegt, sondern hausgemacht ist: Wenn der Einzelhandel nur Lebensmittel in Verpackungen anbietet, die kleinen Haushalten nicht gerecht werden, oder die Preisgestaltung zu großen, aber billigeren Produkten greifen lässt, werden fast zwangsläufig Lebensmittel verschwendet. Ihr Fazit: Lebensmittelverschwendung ist auch ein Problem sozial ungerechter Preisgestaltung.
Tanja Dräger de Teran, Referentin für nachhaltige Landnutzung, Klimaschutz und Ernährung beim WWF Deutschland, erklärte, wie sinnlose Handelsnormen und Wettbewerbsdruck im Einzelhandel Lebensmittelverschwendung verstärken: Selbst 35 Prozent der in Deutschland ökologisch angebauten Kartoffeln werden im Packbetrieb aussortiert und gelangen erst gar nicht in den Handel. Insgesamt werden so über 750.000 Tonnen aussortiert. „Hier entsteht Lebensmittelabfall, noch bevor die Lebensmittel zu den Verbrauchern gelangen.“ Ihre Forderung an den Einzelhandel, die im Anschluss mit den Thüringer Einzelhandelsvertretern diskutiert wurden: Der Handel muss bereits mit den Erzeugern und Produzenten von Lebensmitteln überlegen, wie sich eine höhere Wertschätzung und Wertschöpfung von Lebensmitteln erreichen lässt.
Darum ging es auch zum Abschluss der Veranstaltung beim „Markt der Möglichkeiten“, wo an verschiedenen Ständen sehr konkret gezeigt wurde, wie Lebensmittelabfall vermieden werden kann. Das reichte von der Präsentation des verpackungsfreien Ladens in Erfurt bis hin zu konkreten Tipps bereits für Kinder seitens der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Sektion Thüringen. Herausragend für alle Anwesenden war aber hier das Angebot des Thüringer Landtages. Die Köche hatten aus den nicht verwerteten Lebensmitteln des aktuellen Kantinenbetriebs ein gesamtes Menü und Rezepte zusammengestellt, wie auch zu Hause aus scheinbarem Lebensmittelmüll köstliche Gerichte hergestellt werden können.
Jens Schley
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