Nr. 8/2016, Seite 9: Angst vor Gewalt war ihr ständiger Begleiter

Parlamentsreport

Fachtagung zur Gesundheitsversorgung geflüchteter Frauen in Thüringen

Auf eine außerordentlich große Resonanz war die Einladung des Landesnetzwerkes Frauengesundheit zur Fachtagung „Gesundheitsversorgung geflüchteter Frauen in Thüringen“ am 6. April im Landtag in Erfurt gestoßen. Die Gäste wurden begrüßt von Susanne Hennig-Wellsow, Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE, deren Abgeordnete die ganztägige Veranstaltung mit verschiedenen Workshops für die Helferinnen und Helfer unterstützt hatten.

Schirmherrin Heike Werner, Thüringer Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie, hatte auf die großen Herausforderungen verwiesen, die bei der Unterbringung und medizinischen Versorgung geflüchteter Frauen bewältigt werden müssten. Ihre schlimmen Gewalterfahrungen durch Krieg, Verfolgung und Flucht hätten oftmals schwere Traumatisierungen zur Folge. In den Unterbringungseinrichtungen müsse den Flüchtlingsfrauen und ihren Kindern ein besonderer Schutz gewährleistet werden, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort seien ausreichend zu sensibilisieren und zu schulen. Die Ministerin unterstrich in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit allgemeingültiger Standards.

Die Vertreterin des Thüringer Flüchtlingsrates,  Antje-Christin Büchner, sagte in ihrem Eröffnungsvortrag, dass die Hälfte derer, die flüchten müssen, Frauen seien, „aber nur ein Fünftel von ihnen kommt hier an“. Ein Drittel der Asylbewerber in Deutschland sind Frauen. Sie haben die Auflösung der gesellschaftlichen Strukturen in ihren Heimatländern erlebt, die von vornherein zur Zunahme von Gewalt führt, auch Vergewaltigung als Kriegswaffe.

„Angst vor Gewalt war ihr ständiger Begleiter auf der Flucht“, betonte Frau Büchner. Fünf Prozent der Frauen auf der Flucht seien schwanger. „Bevor die Grenzen geschlossen wurden, sind unglaublich viele Frauen und Kinder gekommen. Noch immer sitzen viele in Idomeni fest unter menschenunwürdigen Bedingungen.“

 

Mehr Informations- und Aufklärungsmaterial notwendig

In Thüringen seien 21 Prozent der Flüchtlinge Frauen und 30 Prozent Kinder. Zu den auf der Tagung vorgetragenen Forderungen des Landesflüchtlingsrates gehören: nach Geschlechtern getrennte Unterbringungsmöglichkeiten, abschließbare Schlaf- und Sanitärräume, ein Beschwerdemanagement oder, statt Gemeinschaftsunterkünften, generell Wohnungen für Frauen und Familien.

Es sei „schwierig, noch Ärzte, besonders Fachärzte, aber auch Hausärzte, zu finden, und es fehlt dabei an Sprachmittlern“. Zudem sei für Flüchtlingsfrauen weibliches medizinisches und therapeutisches Personal wichtig. Sie sollten auch die Möglichkeit erhalten, einen eigenen Asylantrag stellen zu können, sagte Antje-Christin Büchner und kritisierte, „alle Einschränkungen durch die Asylpakete wirken sich negativ aus“. So bestehe für die ersten 15 Monate nur eine eingeschränkte medizinische Versorgung. Aus ihren Erfahrungen der Arbeit vor Ort betonte die Vertreterin des Landesflüchtlingsrates, dass verstärkt Deutschkurse für Frauen angeboten werden müssten - „und während dieser Zeit eine verlässliche Kinderbetreuung“.

 

„Nach Deutschland, in das Land der Menschenrechte gekommen“

Außerdem mehr Informations- und Aufklärungsmaterial, muttersprachliche Beratungsangebote, Aufklärung über die Rechte von Frauen und nicht zuletzt auch ein niedrigschwelliger Zugang zu den Frauenhäusern. In diesem Zusammenhang könne es auch nicht sein, dass der Gewaltschutz für weibliche Flüchtlinge an der Kostenfrage scheitere. Überhaupt sei eine bessere finanzielle Unterstützung der Beratungsstellen und Einrichtungen notwendig, was die Gäste der Fachtagung mit spontanem Beifall unterstützten.

Nach weiteren Vorträgen und Berichten ging es in die Workshops zu den Themen: „Sexualität, Schwangerschaft und Geburt“, „Genitalverstümmelung und ihre Folgen“ sowie „Traumasensible Beratung und Begleitung“. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lobten die hohe Qualität der Arbeit in den Workshops.

In der abschließenden Zusammenfassung, wieder in großer Runde, brachte auch die Landesbeauftragte für Integration, Migration und Flüchtlinge, Miriam Kruppa, ihre Begeisterung über „diese hervorragende Tagung“ zum Ausdruck und dankte den Organisatorinnen. „Wir  sind nach Deutschland, in das Land der Menschenrechte gekommen“, diese Aussage höre sie von den Geflüchteten immer wieder.

 

Wichtig bei allem: eine traumasensible Haltung

„Sie haben viel Gewalt erfahren, die sich zum Teil auch hier fortsetzt“, so Frau Kruppa weiter. Und, sicherlich, sei die „Situation in unseren Erstaufnahmeeinrichtungen nicht perfekt“. Jetzt allerdings, da es kaum noch Neuankünfte gebe, solle die Zeit genutzt werden für den weiteren Aufbau von Strukturen, niedrigschwelligen Beratungsangeboten und das Erkennen, „welche Personen besonders schutzbedürftig sind“.

Vor allem in den Kommunen müssten den Frauen Ansprechpartnerinnen, Vertrauenspersonen zur Seite gestellt werden. Wichtig seien dabei „eine traumasensible Haltung“ und Anstrengungen zur Stärkung des Selbstwertgefühls der Geflüchteten.

„Um überhaupt etwas aufnehmen zu können, brauchen die geflüchteten Frauen, die sich in erster Linie für ihre Familien verantwortlich fühlen, Sicherheit sowie medizinische und psychotherapeutische Versorgung“. Die Landesbeauftragte gab zugleich zu bedenken, dass hier im Rahmen der Integrationsbemühungen „ein unglaubliches Potential“ bestehe, „das wir nutzen sollten“.

Man sei im Land dabei, die Gesundheitskarte auf den Weg zu bringen, „die schon für die Erstaufnahme notwendig ist und den gesamten Katalog medizinischer Leistungen wie für gesetzlich Versicherte umfassen sollte“. Miriam Kruppe abschließend: „Die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes muss unsere Forderung bleiben.“

Der Fachtag, aus dem sie eine ganze Reihe von Themen für ihre Arbeit mitnehme, sei Auftakt gewesen für weitere Veranstaltungen des Thüringer Netzwerkes Frauengesundheit, so Katrin Christ-Eisenwinder, Landesbeauftragte für die Gleichstellung von Frau und Mann. Sie sprach von einem „Dschungel von Ansprechpartnerinnen“ sowie davon, dass das Thema Frauengesundheit in Thüringen „bisher nicht  als Querschnittsthema behandelt wurde, wie es sich gehört“. Dies ändere sich jetzt unter der  rot-rot-grünen Landesregierung, betonte die Gleichstellungsbeauftragte und verwies dabei auf die Gründung der Landesgesundheitskonferenz.    

 

Annette Rudolph                       

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