Nr. 5/2017, Seite 7: Thüringen drohen neue Neonazi-Großkonzerte

Parlamentsreport

NACHGEFRAGT bei Katharina König, Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion

Unter dem Namen „Turonen“ und „Garde 20“ tritt seit über einem Jahr eine neue Neonazi-Gruppe in Thüringen auf, die Lederkutten trägt und u.a. Rechtsrock-Konzerte organisiert. In der Fragestunde im Landtag am 23.2. hatte auf Anfrage von Katharina König das Innenministerium deren europaweite Kontakte bestätigt.

Nun ist es offiziell, die neonazistische Rockerbande aus Thüringen war für das Konzert mit 5.000 Neonazis im Oktober 2016 in der Schweiz verantwortlich, wie Innenstaatssekretär Udo Götze im Plenum informierte. Bereits im letzten Jahr wurde bekannt, dass die Neonazis einen sechsstelligen Euro-Beitrag alleine mit Eintrittsgeldern umgesetzt haben. Das Geld wurde auf das Konto eines Saalfelder Neonazis eingezahlt. Auch Thüringen muss sich in diesem Jahr wieder auf Neonazi-Großveranstaltungen gefasst machen. Vom Erfolg aus der Schweiz beflügelt planen die Kuttennazis ein Konzert mit Größen der deutschen Rechtsrock-Szene im Sommer.

 

Was verbirgt sich hinter den „Turonen“?

Das sind alte bekannte Neonazis aus Thüringen, die nun auf Rocker machen, weil sie dieser Habitus mit Männerkult und das elitäre Gehabe reizen. Zuvor traten einige schon im Namen einer „Bruderschaft“ auf. Die „Turonen“ tragen einheitliche Lederwesten, nähen sich „Patches“ auf und orientieren sich auch an der Hierarchie von konventionellen Rockerbanden. Sie organisieren Rechtsrock-Konzerte und stellen dort einen eigenen Sicherheitsdienst am Einlass, um ungestört feiern zu können. Zwischen Mai 2014 und August 2016 wurden elf Konzerte und Feiern, meistens in Kirchheim (Ilmkreis), gezählt, an denen sich die selbsternannten „Turonen“ beteiligten, häufig mit rund 200 Neonazis. Die „Turonen“ selbst bestehen aus etwa 20 bis 25 Personen, so das Innenministerium. Hinzu kämen weitere 10 bis 15 im Umfeld. Als Erkennungszeichen tragen sie ein Pfeilkreuz der ungarischen Faschisten und eine Raute mit der Zahl 20.

 

Wie ist der Vernetzungsgrad einzuschätzen?

Die Gruppe sammelt sich um die Ballstädter Neonazi-Szene im Landkreis Gotha, die mit dem „Gelben Haus“ über eine eigene Immobilie verfügt. Sie hat aber auch in anderen Orten Thüringens Anhänger, wie in Saalfeld und im Saale-Orla-Kreis. Offenbar auch in zwei Nachbarbundesländern. Mehrere Mitglieder sind wegen des Überfalls auf die Ballstädter Kirmesgesellschaft im Jahr 2014 aktuell vor dem Landgericht Erfurt angeklagt. Damals wurden bis zu zehn Menschen verletzt, einige Opfer sogar schwer. Auch spielen einige in Rechtsrock-Bands mit. Die Gruppe ist bundes- sowie europaweit vernetzt, wie auch das Innenministerium bestätigte.

 

Was kommt als nächstes, was plant dieses Netzwerk?

Die gleichen Organisatoren, die für das große Konzert in der Schweiz verantwortlich waren, rühren derzeit bundesweit im Neonazi-Milieu die Werbetrommel für eine Großveranstaltung, die voraussichtlich am 15. Juli in Thüringen stattfinden soll und mit der Band „Stahlgewitter“ den gleichen Stargast wie in der Schweiz aufweist. Bereits 2016 waren über 600 Neonazis beim „Rock gegen Überfremdung“ in Kirchheim. In Mobilisierungsvideos und Flyern wird nun eine größere Fortsetzung angekündigt und mit dem Schweizer Konzert geworben, auf dem man sich habe ungestört von Behörden austoben können. Auch andere Konzerte stehen bevor, wie zum „Eichsfeldtag“ vom neugekürten Thüringer NPD-Chef Thorsten Heise in Leinefelde am 6. Mai. Dass dort die Schweizer Band „Amok“ aus dem Umfeld des in Deutschland verbotenen Netzwerkes „Blood & Honour“ auftreten soll, ist bezeichnend. Personelle Überschneidungen mit „Erschiessungskommando“, der Schweizer Band, gegen die aktuell Thüringer Behörden wegen Mordaufrufen ermitteln, werden „Amok“ nachgesagt. Die Band trat auch beim Schweizer Großkonzert in Unterwasser auf und ist bestens mit den Neonazi-Schlägern aus Ballstädt vernetzt.

 

Was bedeutet das für Thüringen?

Thüringen gehört zu den deutschland- und europaweit begehrtesten Austragungsorten für Neonazi-Musik. Im letzten Jahr zählte die Mobile Beratung MOBIT mit 50 Veranstaltungen eine Verdopplung zum Vorjahr. Kirchheim ist bereits zum Nazi-Pilgerort Nummer eins geworden. Mit der Ausweitung auf das Außengelände der von Neonazis seit Jahren genutzten Immobilie und dem Testballon in der Schweiz drohen weitere Konzerte, bei denen die Teilnahme von mehreren Tausend Neonazis nicht ausgeschlossen ist. Bereits im Mai 2016 gab es ein Konzert in Hildburghausen mit 3.500 Neonazis. Dieser „Normalisierung“ muss die Zivilgesellschaft durch eine klarere Positionierung und Widerstand in den Kommunen entgegenwirken. Genauso sind die Sicherheitsbehörden aufgefordert, auf allen Ebenen mit den zur Verfügung stehenden rechtlichen Handlungsspielräumen gegen die Neonazi-Musikszene, ihre Konzerte und Immobilien vorzugehen.    

Dateien