Nr. 23/2015, Seite 5: Langzeitbeobachtung zur politischen Kultur

Parlamentsreport

Thüringen-Monitor 2015 wird am 26. November im Landtag diskutiert

Seit 15 Jahren führt die Uni Jena  im Auftrag der Landesregierung eine Befragung zur politischen Kultur und zur persönlichen Lage der Thüringer durch. Der seitdem fast jedes Jahr publizierte Thüringen-Monitor ist eine einmalige soziologische Langzeit-Untersuchung zur Entwicklung eines Bundeslands in den Augen seiner Bürger. Er hat dabei kontinuierlich die Entwicklung rechtsextremer, insbesondere ethnozentristischer Einstellungen sowie das Vertrauen in demokratische Entscheidungsprozesse untersucht.

 Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung lenkt der diesjährige Thüringen-Monitor den Fokus auf das Verhältnis der Befragten zur DDR 25 Jahre nach ihrem Ende, auf ihre persönliche Situation und ihre Einschätzungen zur Entwicklung Thüringens.

Aus der Studie geht hervor, dass die Thüringer zwar im Großen und Ganzen zufrieden mit der Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren sind, eine Mehrheit aber die Einheit für noch nicht vollendet, sondern weiterhin einen Angleichungsprozess für notwendig hält. Aufgrund des Verlustes sozialer Sicherheiten und der Sehnsucht nach „gesellschaftlichem Zusammenhalt“ sympathisierten noch heute viele Menschen mit der damaligen DDR, heißt es in den Untersuchungsergebnissen. Bei großen Teilen der Bürger habe sich das Gefühl der Benachteiligung als Ostdeutsche verfestigt. Nach Prof. Dr. Heinrich Best vom Institut für Soziologie der Universität in Jena, dem wissenschaftlichen Leiter der Studie, ist ein solches Benachteiligungsgefühl gefährlich, da es Einfluss auf rechtsextreme Einstellungen hat sowie eine ablehnende Haltung gegenüber Asylsuchenden verstärkt.                                                                                                                                                                                                                                            
Der demographische Wandel holt das Land immer schneller ein. Der Thüringen-Monitor besagt, dass die Befragten der Zuwanderung durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen, solange ihre eigene Situation am Arbeitsmarkt nicht davon beeinträchtigt wird. „Im Hinblick auf Asylsuchende muss die Aufnahmebereitschaft allerdings noch geweckt werden“, so Prof. Best. Die Zuwanderung biete für Thüringen durchaus große Chancen – mit Blick auf den Mangel an Absolventen und Fachkräften.

Ministerpräsident Bodo Ramelow hält den Thüringen-Monitor für notwendiger denn je: „Wir werden dem Kabinett, dem Landtag und der Öffentlichkeit erneut ein profundes Zahlenwerk zu den politischen Einstellungen der Thüringerinnen und Thüringer und zu ihrer persönlichen Lage vorlegen. Wir sollten nicht den Fehler machen, jetzt vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Der Thüringen-Monitor war immer dann am nützlichsten, wenn er nicht Anlass für erhobene Zeigefinger, sondern für ein empirisch fundiertes Nachdenken und Diskutieren über den weiteren Weg war. Wir haben am 9. November in Erfurt gemeinsam gezeigt, dass die Mehrheit für ein weltoffenes Land mit einem menschlichen Gesicht steht. Thüringen befindet sich am Beginn des tiefgreifendsten Umbruchs seit der Wiedervereinigung. Das spüren die Bürgerinnen und Bürger. Die demokratischen Parteien sind in der Pflicht, den kommenden Wandel zu gestalten. Ein Land, das in 25 Jahren rund 450.000 Menschen verloren hat, muss nun erstmals seit der Wende mit wachsenden Bevölkerungszahlen und Zuwanderung umgehen. Ein Land, das 25 Jahre lang mit Bravour aus weniger mehr gemacht hat, muss jetzt lernen zu wachsen. Daraus erwachsen neue Perspektiven und neue Politikanforderungen.“

Mit dem Monitor ist Thüringen das einzige Bundesland, das eine Langzeitbeobachtung der Entwicklung der politischen Kultur eines Bundeslandes durchführt. Seit dem Jahr 2000 wird die Umfrage mit Hilfe von Forschern der Friedrich-Schiller-Universität Jena erstellt. Anlass war damals ein antisemitischer Brandanschlag auf die Synagoge in Erfurt.  

Der Thüringen-Monitor 2015 mit dem Titel „Thüringen im 25. Jahr der deutschen Einheit“ wird am 24. November im Kabinett sowie im Rahmen einer Regierungsmedienkonferenz vorgestellt und veröffentlicht. Am 26. November wird der Ministerpräsident des Freistaats Thüringen im Landtag eine Regierungserklärung abgeben.     

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