Nr. 23/2013, Seite 7: „Warum die Keupstraße, was wollten die von uns?“
Bewegende Veranstaltung der Linksfraktion zwei Jahre nach Aufdeckung des NSU
„Alles, was ich noch möchte, sind Antworten“ - die Überschrift der Tagung der Fraktion DIE LINKE am 14. November im Landtag in Erfurt mit Experten, Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern ging auf einen Brief von Aysen Tasköprü, Schwester des 2001 in Hamburg vom NSU ermordeten Suleyman Tasköprü, an den Bundespräsidenten zurück.
Die hochinteressante und auch sehr bewegende Veranstaltung unternahm einen beeindruckenden Versuch, Frau Tasköprü Antworten zu geben. Nach den Beiträgen von Prof. Fabian Virchow zum „NSU als Prisma - Rechtsterrorismus in Deutschland“ und Sebastian Schneider vom NSU-Watch, einer unabhängigen Beobachtungsstelle für den Prozess in München, machten vor allem die Ausführungen von Mitat Özdemir (s. Foto), Vorsitzender der IG Keupstraße Köln, betroffen. Dort wurden durch den Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004 nicht nur 22 Menschen schwer verletzt, sondern viele Familien schwer traumatisiert vor allem durch das Vorgehen der Behörden, die die Opfer selbst verdächtigten. Heike Kleffner vom Rechercheprojekt „Todesopfer rechter Gewalt“ verwies darauf, dass es keinerlei Hilfe und Unterstützung für die Betroffenen gab - „keine Opferberatung, kein Weißer Ring, nichts!“
An der abschließenden, vom MDR-Journalisten Axel Hemmerling moderierten, Podiumsdiskussion nahmen neben Mitat Özdemir und Sebastian Schneider auch die Vorsitzende des Landtags-Untersuchungsausschusses Dorothea Marx (SPD), die Specherin für Antifaschismus der Linksfraktion und Mitglied im Untersuchungsausschuss, Katharina König, sowie Polizeidirektor Raymond Walk teil (dazu in der nächsten Ausgabe mehr).
Bodo Ramelow hatte eingangs der Veranstaltung betont, dass trotz intensivster Arbeit in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen „eine ganze Reihe von Fragen noch immer ungeklärt sind“. Da die „Desinformation Teil der Aufgabe der Geheimdienste ist“, sei er „vorsichtig mit abschließenden Einschätzungen“, so auch Prof. Virchow. Informationen seien nicht verfolgt und seien nicht zusammengefügt worden - „vielleicht wollten sie nicht ausermitteln“. Hinzu komme, dass die für die Kontrolle der Geheimdienste vorhandenen Gremien „praktisch wirkungslos waren“.
Die Keupstraße in Köln war „eine lebhafte, eine friedliche Straße - bis zu diesem sonnigen Nachmittag im Juni 2004. Von da ab war sie nicht mehr die gleiche Straße“. Die ruhige Eindringlichkeit, mit der Herr Özdemir berichtete, ließ an diesem November-Abend im Erfurter Landtag die schlimme Situation für die Anwohner fast körperlich nachempfinden.
Herr Özdemir lebt seit 57 Jahren in Deutschland, seit 36 Jahren in der Keupstraße. „Ich hatte eine großes Vertrauen in dieses Land, aber seit diesem Tag nicht mehr.“ Immer wieder kommt er auf den 9. Juni 2004 zurück: „Dieser Tag hat unser Leben verändert. Wir leben mit einem Trauma.“ Die Menschen unter den Migranten, „die labil waren“, seien „am meisten betroffen gewesen“, manche seien „ausgewandert“ - „der in dem Friseurladen gearbeitet hat, hat sich das Leben genommen“. Vor allem, sie hatten „keine Möglichkeit, darüber zu reden“, öffentlich, „warum die Keupstraße?“, „was wollten die von uns?“ - „keine Antworten“, nur Verdächtigungen. „Wir sollten nicht so viel reden, wir sollten nur sagen, wer das war.“ Sie wurden immer wieder verhört. „Das war eine doppelte Belastung für uns, unerträglich war diese Zeit“, sagt Herr Özdemir und fügt hinzu: „Wir wissen noch immer nicht...“
Heike Kleffner zeigte ein Video vom Trauermarsch 2006 in Kassel. Weitgehend ignoriert von der bundesdeutschen Öffentlichkeit - übrigens auch der linken - waren knapp 5.000 Menschen überwiegend türkischer und kurdischer Herkunft auf der Straße. Sie trugen Transparente: „In sechs Jahren neun Morde - warum?“, „Wir wollen kein 10. Opfer, stoppt die Mörder!“
Weil er und andere so hartnäckig sind, sich nicht zufrieden geben wollen, da habe ein Beamten gemeint, ob der Herr Özdemir wohl eine „Extrawurst“ wolle. Er hat geantwortet: „Ja, ich will eine Extrawurst, denn es war eine Extrabombe“.
Annette Rudolph
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