Nr. 23/2012, Seite 9: Entdeckungen auf der Herbst-KulturTOUR
Von Schätzen, Zeitreisen und frischen Ideen - Notizen über eine thematische Rundreise
Ihre zweite thematische Rundreise durch Thüringen unternahm die kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Dr. Birgit Klaubert, vom 31. Oktober bis 2. November. Unter dem Motto „Interdisziplinäre Vernetzung und touristische Vermarktung von Kulturstätten“ besuchte sie neben der Ausgrabungsstätte Bilzingsleben (siehe Bericht auf S. 8) am Reformationstag auch die Wasserburg Heldrungen im Kyffhäuserkreis und die „Arche Nebra“ in Sachsen-Anhalt.
Die Wasserburg Heldrungen, die gegen Ende der Bauernkriege eine nicht unbedeutende Rolle spielte, ist heute eine Jugendherberge. Thomas Müntzer, der Protagonist der letzen Veranstaltung von „Kultur neu denken“ in Mühhausen, war kurz vor seinem Tod dort eingekerkert und gefoltert worden. An diesem geschichtsträchtigen Ort wird heute Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit gegeben, sich mit dem Mittelalter auseinanderzusetzen, wie der Leiter der Jugendherberge erläuterte. In Rollenspielen und mit Bildungsangeboten kann die „Generation des digitalen Zeitalters“ in einem mittelalterlichen Umfeld eine Reise in die Vergangenheit erleben: Rittersaal, Gewölbekeller und Müntzer-Gedenkstätte – eine Jugendherberge mit Anspruch und hohem Freizeitcharakter.
Die „Arche Nebra“ wiederum wurde nicht zuletzt als „best practice“-Beispiel der touristischen Vermarktung besucht, noch einmal Bezug nehmend auf den Besuch der Steinrinne Bilzingsleben. Der Abend klang in traumhafter Kulisse in Bad Frankenhausen aus. Das Theater Nordhausen veranstaltete vor Werner Tübkes Monumentalwerk im Panorama- Museum mit seiner Ballettkompanie den „PanoramaTanz“.
Am 1. November ging es dann zurück nach Erfurt, wo die Stätten jüdischen Lebens besichtigt wurden. Julia Roos, die engagierte Museumspädagogin mit schier unendlichem und detailgenauem Wissen, führte durch die Alte Synagoge und den dort ausgestellten Judenschatz, öffnete die Tore zur erst kürzlich entdeckten mittelalterlichen Mikwe (jüdisches Tauchbad) direkt am Ufer der Gera unterhalb der Krämerbrücke und zeigte Birgit Klaubert und ihren Fraktionskolleginnen auch die Ausstellung der Kleinen Synagoge, die heute als Begegnungsstätte benutzt wird.
Die Geschichte, wie der Judenschatz gefunden und schließlich gehoben wurde, erheiterte alle Anwesenden. Vor einigen Jahren nämlich, entdeckten Bauarbeiter zunächst eine metallene Schale, die aber durch all die Zeit unter meterdicken Erdschichten nichts Glänzendes vorweisen konnte. So wurde diese Schale zunächst als Aschenbecher im Bauwagen benutzt und eher zufällig einem archäologischen Mitarbeiter übergeben. Eher ein Spaß, um den damals anstehenden Tag des Denkmals „zu bereichern“.
Der Beschenkte erkannte relativ schnell, dass es sich um etwas Mittelalterliches handeln musste und hob auch noch den Rest des heute ausgestellten Judenschatzes. Eine Geschichte, die so unglaublich klingt, dass man meinen könnte, sie stamme aus einem Film.
Doch dies ist tatsächlich so passiert – und zwar mitten in Erfurt.
Nach der fast dreistündigen Führung gab es noch ein Treffen mit Tobias Knoblich, dem Kulturdirektor der Stadt Erfurt, um über touristische Vermarktung, Kulturförderung und das Landeskulturkonzept zu diskutieren, welches die Landesregierung erst kürzlich veröffentlichte.
Am Abend dann feierte ein neues Veranstaltungsformat Premiere. Unter dem Titel „Kopf-Arbeit & Politik – den Politikern den Kopf (ge)waschen“ luden Birgit Klaubert und der Friseurmeister Tobias Zillig in seinen Salon in der Futterstraße ein, um mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern über Themen, die die Menschen bewegen, ins Gespräch zu kommen. Bei Musik und gemütlicher Atmosphäre wurde offen und auch kontrovers über Mindestlohn, Drogenpolitik, die Schere zwischen Arm und Reich, Unterschiede zwischen Ost und West, aber auch über das tagtägliche Leben eines Politikers diskutiert. Die Veranstaltung fand regen Anklang und soll nun in unregelmäßigen Abständen und wechselnden Orten in ganz Thüringen fortgesetzt werden.
Der letzte Tag der Herbst-KulturTOUR bot noch einmal einen ganz besonderen Termin. Birgit Klaubert traf sich in der Jugendkunstschule IMAGO in Erfurt mit Constanze Fuckel, ehemalige Burg-Giebichenstein-Studentin und jetzige Museumspädagogin im Rahmen des Projekts „Mobile Museumspädagogik“. Und genau um dieses Projekt ging es auch, welches sich im Spannungsfeld von Schule, Jugendkunstschule und Museum bewegt. Solche interdisziplinären Vernetzungen von Kunst- und Kulturformen und -einrichtungen sind eindeutig zukunftsorientiert und untermauern auch auf sehr schöne Weise, dass Kultur und Bildung eben nicht auseinander dividierbar sind, sondern zwei Seiten einer Medaille. Natürlich sollte die „Mobile Museumspädagogik“ auch gleich selbst ausprobiert werden und so kehrten wir zum Judenschatz zurück - ausgestattet mit eigens für das Projekt entworfenen Museumstaschen für Kinder und Jugendliche, die alle Arbeitsmaterialien beinhalten, die eine künstlerische Ver- und Bearbeitung der jeweiligen Museumsexponate benötigt. Die selbst kreierten Kunstwerke im Postkartenformat sind nicht nur eine schöne Erinnerung, sondern auch die Verknüpfung von Wissen über den Judenschatz mit den eigenen Emotionen.
Katinka Mitteldorf
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