Nr. 23/2012, Seite 8: Fundplatz Bilzingsleben: Archäologischer Schatz - ein Pfund, mit dem Thüringen noch viel mehr wuchern muss

Parlamentsreport

Im Rahmen der KulturTOUR besuchten Abgeordnete und Mitarbeiter der LINKEN am 31.10. die steinzeitliche Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben im Landkreis Sömmerda, an der Spitze die kulturpolitischen Sprecherinnen der Landtags- und der Bundestagsfraktion DIE LINKE, Dr. Birgit Klaubert und Dr. Luc Jochimsen.

Mit vor Ort der Präsident des Landesamtes für Archäologie und Denkmalpflege, Dr. Sven Ostritz, der Sömmerdaer Landrat, Harald Henning, der Weimarer Tourismus-Experte, Prof. Harald Kunze, der Bürgermeister von Bilzingsleben, Mathias Bogk, und nicht zuletzt der ehemalige Leiter der Ausgrabung, Prof. Dietrich Mania, sowie der Chef der LINKE-Kreistagsfraktion, Ralf Hauboldt.

Seit 1970 wird in Bilzingsleben gegraben und geforscht. Die Ergebnisse sind bedeutend: mit Ritzzeichnungen auf Tierknochen hat Bilzingsleben möglicherweise die mit etwa 400.000 Jahren älteste bekannte Darstellung eines menschlichen Gedankens aufzuweisen. Hinzu kommt ein mysteriöses Bodenpflaster aus verkarstetem Lehm, tierischen und menschlichen Knochen und Zähnen, dessen Entstehung umstritten ist: einige Forscher gehen von einer Anschwemmung aus, andere halten eine bewusste Entstehung, vielleicht zu kultischen Zwecken, für möglich.  Das im Zuge der Grabung sichtbar gewordene lange Siedeln früher Menschen an einem Platz widerlegte die bis in die 1970er Jahre dominante Vermutung, unsere Vorfahren vor 400.000 Jahren wären noch rastlos herumgezogen. Kein Wunder, dass sich immer mal wieder hochrangige Wissenschaftler aus allen Teilen der Erde in Bilzingsleben die Klinke in die Hand geben, wo seit April der Archäologe Enrico Brühl die Ausstellung leitet
1990 war es für die Grabung zunächst engagiert weiter gegangen. Mit Unterstützung von Land und Bund wurde eine Schutzhalle über dem offenen Teil der Grabung errichtet. Doch bald nach der Pensionierung des alten Grabungsleiters Prof. Dietrich Mania 2003 trat eine tiefgehende Flaute ein. Die zuständige Universität Jena lässt sich heute nur noch selten in Bilzingsleben sehen. Die beiden Ministerien Kultus und Wirtschaft und die Thüringer Tourismus-GmbH sahen und sehen für sich keine Aufgaben in Bilzingsleben. Das Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege ist zwar für den Schutz der Grabungsstelle zuständig, die wissenschaftliche und touristische Entwicklung liegt jedoch nicht in seinem Aufgabenbereich. In der Zwischenzeit haben sich immerhin die Gemeinde und der Landkreis gekümmert: mit ihren Möglichkeiten haben sie die Begehbarkeit und Besuchbarkeit der Grabungsstelle gesichert. Der Landkreis hat die Stelle eines wissenschaftlichen Leiters geschaffen, so dass vor Ort eine fachkundige Begleitung vorhanden ist. Fest steht allerdings, dass das Niveau der derzeitigen Präsentation bei allen Bemühungen der Bedeutung der Fundstelle in keiner Weise entspricht.

Die Grabungsstelle ist nicht an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen, kann auch mit Bussen nicht erreicht werden. Besuchern kann nicht einmal ein Kaffee angeboten werden, weil kein Trinkwasser verfügbar ist, ein noch so kleines gastronomisches Angebot ist utopisch.

Schild an der A71 soll sogar abgebaut werden

In der allgemeinen touristischen Werbung des Landes und der Museumsverbände kommt Bilzingsleben nicht vor, es ist im eigenen Land ein Geheimtipp. Das bestehende Schild an der Autobahn A 71 soll abgebaut werden, weil Bilzingsleben nicht die notwendigen 60.000 Besucher pro Jahr nachweisen kann. Die intensiven Gespräche am 31.10. ergaben: Gemeinde und Landkreis sind mit der Entwicklung eines Projektes Fundplatz Bilzingsleben mit dem Ziel einer deutlich verbesserten kulturellen und touristischen Nutzung für die Region und das Land überfordert. Selbst die derzeitige Variante mit schmaler wissenschaftlicher Betreuung, ohne infrastrukturelle Einrichtungen für eine größere Besucherzahl, ist nach Angaben des Landkreises nur als Übergangslösung für maximal fünf Jahre fortzusetzen.

Es kommt darauf an, für Bilzingsleben eine kühne, aber realistische Vision zu formulieren und die Partner zusammen zu bringen, die für die Realisierung nötig sind. Auf dieser Basis muss dann eine geeignete Trägerstruktur (Stiftung, gGmbH) gebildet werden. Mit der Umsetzung dieser Aufgabe sind Kreis und Gemeinde überfordert.

Sollte das Land Thüringen Unterstützung brauchen: Modelle, wie Geschichte und Tourismus effektiv verknüpft werden können, finden sich wenige Kilometer weiter im Land Sachsen-Anhalt gleich mehrfach. Die Landtagsfraktion DIE LINKE will das Thema weiter führen und einen Beitrag dazu leisten, dass endlich Wind in ein Projekt Fundplatz Bilzingsleben kommt. Bilzingsleben ist ein Pfund, mit dem Thüringen wuchern kann, es muss sowohl für Thüringer Schüler und Kulturinteressierte als auch für auswärtige Geschichtsinteressierte und Touristen endlich attraktiv gemacht werden.

Dr. Steffen Kachel

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