Nr. 22/2015, Seite 7: Eine Arbeit, die kaum wahrgenommen wird

Parlamentsreport

Von der Fachtagung „Frauen in prekärer Beschäftigung im Pflege- und Care-Bereich“

Zu einer Fachtagung „Frauen in prekärer Beschäftigung im Pflege- und Care-Bereich“ hatten kürzlich die Landtagsfraktion DIE LINKE und die Rosa Luxemburg Stiftung nach Jena eingeladen.

Care-Arbeit, also Sorgearbeit, zielt auf die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von intellektuellen, körperlichen und emotionalen Fähigkeiten einer Person. Der Begriff entstand in den 90er Jahren und knüpft an feministische Diskussionen über die Reproduktionsarbeit an. Zum Thema sprachen die Arbeitssoziologin Prof. Dr. Gabriele Winker, die Gewerkschaftssekretärin Kathrin Reinhardt, die Sprecherin für Soziales, Gleichstellung und Behindertenpolitik der Linksfraktion, Karola Stange, und die Thüringer Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie, Heike Werner.  

 

Abfluss von Fachkräften aus Thüringen

Zahlreiche Probleme offenbaren sich beim näheren Betrachten von Pflege- und Care-Arbeit: Sie wird entweder unbezahlt oder schlecht bezahlt erledigt. Sie betrifft vor allem Frauen. Durch die zunehmende Deregulierung des Arbeitsmarktes, verbunden mit einer geringen finanziellen und gesellschaftlichen Anerkennung dieser Berufe, ergibt sich für sie ein hohes Armutsrisiko im Alter, aber auch bereits im Erwerbsleben. Hinzu kommt: Pflege- und Care-Arbeiterinnen organisieren sich kaum und haben dadurch nur eine geringe Resonanz innerhalb der Gesellschaft. Die prekären und diskontinuierlichen Erwerbsverläufe haben im Zusammenhang mit einer Doppelbelastung durch familiäre Verpflichtungen ebenfalls starke negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der Frauen. Dies trifft auch auf migrantische Frauen zu, die in wachsendem Ausmaß im öffentlichen und privaten Bereich Pflege- und Care-Arbeiten übernehmen. Es werden künftig immer mehr Menschen auf diese Arbeiten angewiesen sein, während gleichzeitig nicht genug Fachkräfte ausgebildet werden und die Tätigkeit kaum gesellschaftlich gewürdigt ist. Starke Lohnunterschiede zwischen Ost und West sorgen für einen Abfluss von Fachkräften aus Thüringen. So verdient in Bayern eine Altenpflegerin etwa 600 Euro mehr.

Care-Arbeit ist unsichtbar, sie wird gemacht und ist essentiell und dennoch nimmt man sie kaum wahr, dadurch ist sie fast ausschließlich unentgeltlich. Das wird dann zum Problem, wenn diese Arbeit in Konkurrenz zum Erwerbsleben steht, weil dann weniger Zeit zum Geldverdienen bleibt und noch keine staatliche Absicherung z.B. im Alter gewährleistet ist.

Welche Wege zur Änderung dieser Umstände wurden auf der Fachkonferenz diskutiert? Zunächst müsse vor allem den Beschäftigten noch stärker klar werden, wie unersetzlich ihre Arbeit ist und welche große gesellschaftliche Bedeutung sie hat, also gewerkschaftliche Organisation und Tarifpolitik. Verstärkt werden müsse die Aus- und Weiterbildung.

Anreize wurden mit einer Imagekampagne gesetzt und seit 2010 steigt auch die Vergütung. Mehr Solidarität ist wichtig, denn der gesellschaftliche Druck ist enorm, wenn Pflege- und Care-Arbeit z.B. aufgrund von Streiks ausfällt. Das Kassensystem unterminiert hier die Arbeit der Angestellten, weil der entstehende Wettbewerb kapitalistischer Logik unterliegt und nicht der Notwendigkeit in der Sache. Für Thüringen sei ein Pflegepersonalschlüssel notwendig und auch ein Branchentarifvertrag könnte in Betracht gezogen werden. Außerdem wurde die Dual-Struktur von Pflege- und Care-Arbeiten auf der einen und der medizinischen Arbeit auf der anderen Seite problematisiert, werden doch die „Care-Arbeiten“ im Gegensatz zu den „Cure-Arbeiten“ (also heilenden Arbeiten) sehr viel weniger gewürdigt und entlohnt. Dies führt zu strukturellen Verschärfungen, weil die Bereiche gegeneinander ausgespielt werden.

 

Michael Bicker              

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