Nr. 22/2013, Seite 9: Rechtsrock für braune Ideologie - Katharina König zu Angaben über Neonazi-Konzerte

Parlamentsreport

Etwa zwei Drittel der Teilnehmer von Neonazi-Konzerten in Thüringen im vergangenen Jahr sind junge Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren, die meisten kommen auch aus Thüringen.

Katharina König, Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion im Thüringer Landtag, hatte sich mit drei Kleinen Anfragen an die Landesregierung gewandt, damit die von der Polizei im letzten Jahr erhobenen Anreise-Daten bei Neonazi-Konzerten anonymisiert ausgewertet werden, um Rückschlüsse auf die Herkunft der Teilnehmer zu ermöglichen. Demnach waren 21 Prozent zwischen 20 und 24 Jahre alt, 45 Prozent zwischen 25 und 30 und 29 Prozent zwischen 31 und 45. Konzertteilnehmer unter 20 und über 45 Jahre wurden vergleichsweise weniger angetroffen. Der Frauenanteil lag bei circa einem Viertel. 79 Prozent der kontrollierten Personen stammten aus Thüringen, 19 Prozent aus anderen Bundesländern, darunter besonders häufig aus Sachsen und Bayern.

„Rechtsrock verfestigt neonazistische Ideologie, und mit der braunen Erlebniskultur werden gerade junge Menschen noch stärker an die Szene gebunden“, so die Abgeordnete. Dass solche Musikveranstaltungen in Thüringen vor allem als Einfallstor in die menschenverachtende Ideologie dienen, geht auch aus der Auswertung der Polizeidaten hervor: 27 Prozent der Teilnehmer von Neonazi-Konzerten in Thüringen kamen im Jahr 2012 erstmals in Kontakt mit der rechten Szene bzw. wurden von den Behörden erstmals in diesem Kontext erfasst. Sie waren zuvor noch nicht bei rechten Veranstaltungen, Aktionen oder Straftaten auffällig geworden. Die Behörden zählen aktuell 13 Bands und vier Liedermacher aus Thüringen zur rechten Szene, hinzukommen weitere Verdachtsfälle.

Die Gesamtzahl jener Musiker aus Thüringen, bei denen in den vergangenen fünf Jahren Anhaltspunkte für eine extrem rechte Ausrichtung vorlagen oder die als „rechtsextrem“ eingestuft wurden, liegt laut Innenministerium bei 138 Personen. Erst kürzlich begann der Prozess gegen die größte kriminelle Neonazi-Organisation in Österreich um das „Objekt 21“. Unter den Verfahrensbeteiligten sind auch mehrere Neonazis aus dem Umfeld der rechten Thüringer Musikszene, darunter ein Szene-Liedermacher aus Erfurt. Vorgeworfen wird den aktuell sieben Beschuldigten „Brandstiftung, Erpressung und Entführung sowie nationalsozialistische Wiederbetätigung“.

Die Thüringer Polizei führte bei knapp einem Dutzend Neonazi-Konzerten im letzten Jahr fast 750 Identitätsfeststellungen bei der Anreise oder bei Konzertauflösungen durch. Die daraus jetzt abgeleiteten Angaben sind ungefähre Werte, da bei den Kontrollen z.T. anreisende Teilnehmer wegen der absehbaren Polizeipräsenz auf eine Teilnahme verzichteten, Platzverweise erhielten oder von den Polizeikräften nicht als potentielle Teilnehmer gezählt wurden. „Dass Neonazis nicht locker lassen und die in Thüringen zur Verfügung stehenden Immobilien rege nutzen, belegt auch der Umstand, dass die braune Musikszene aktuell ein Konzert mit mehreren populären Szenebands aus dem ‚Hatecore’-Bereich (rechter Hardcore-Musik) in Kirchheim bei Arnstadt vorbereitet“, informierte Katharina König.

Im besagten Objekt „Romantischer Fachwerkhof“ in Kirchheim - s. Archiv-Foto:  Bündnis-Aktion „Kirchheim wehrt sich“ - fanden in den letzten drei Jahren bereits über 60 Neonazi-Konzerte und Veranstaltungen statt, wie aus einer weiteren Anfrage der Abgeordneten hervorging. „Egal ob in Kirchheim, Crawinkel, Saalfeld oder jetzt auch in Ballstädt, es gilt, diese Strukturen zurückzudrängen und den braunen Musiksumpf trocken zu legen“, so die Abgeordnete, die dazu aufruft, „jederzeit und überall neonazistischen Strukturen entgegenzutreten“.    

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