Nr. 21/2014, Seite 10: „Kohl-Protokolle“: Der „Einheitskanzler“ missachtet die DDR-Bürgerbewegung
Zugegeben, bei mir hat auch das Argument, das Buch als Rarität zu kaufen, eine wichtige Rolle gespielt. Und auf die Nachricht hin, Helmut Kohl klage gegen die Veröffentlichung von „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ seines früheren Biographen Heribert Schwan, wollte ich schnell handeln.
Ich wurde nach kurzer Suche im Internet bei einem Händler fündig, der betonte, er liefere das Buch sofort aus – noch bevor Kohl Schwärzungen durchsetzen könne oder das Projekt möglicherweise komplett stoppe. Das war freilich ganz schlechtes Timing: nur zwei Tage später meldeten die Agenturen, Kohl habe seine Beschwerde zurückgezogen. Experten gehen trotzdem von einem juristischen Tauziehen aus, wir werden sehen, ob mein Kauf noch zur Geldanlage wird…
Bleibt zunächst ein Buch, mit dem zuallererst ein Journalist mit Kohl abrechnet. Schwan war beauftragt, dessen Biographie(n) zu schreiben, als „Ghostwriter“. Dazu hat er Interviews mit Kohl geführt, ab 2001 über 600 Stunden lang. Das ging auch einige Bücher lang gut. Doch dann wurde er gefeuert – auf Betreiben der neuen Kohl-Ehefrau Maike Kohl-Richter, wie er vermutet. Die Neue, 34 Jahre jünger als Kohl, wolle die Deutungshoheit über die Biographie des Ex-Kanzlers erlangen, mutmaßt Schwan wohl nicht ohne Grund. Die Kassetten mit den Interviews musste Schwan auf einen Gerichtsbeschluss hin bereits an Kohl zurückgeben – er besitzt aber, wie er freimütig zugibt, Kopien und Verschriftungen. Heribert Prantl, Journalist und Jurist (sogar Richter), leugnet (dabei ausschließlich juristisch und nicht journalistisch argumentierend) in der Süddeutschen Zeitung übrigens ein so großes öffentliches Interesse, dass Kohls Rechte einfach „mittels eines Buches beiseite geräumt werden“.
Von Feinden umzingelt
Besteht das Buch nun nur aus saftigen Pöbeleien Kohls gegen alle und Jeden (vor allem aus der CDU, wie Schwan betont), aus denen die Medien schon vor Erscheinen ausgiebig zitiert hatten? Nein, die sind immer wieder eingestreut in teils weitschweifige Erläuterungen, mit denen Schwan seinen Vertrauensbruch (denn darum handelt es sich zweifellos) plausibel machen will. Thüringer sind von dem Gepöbel nicht betroffen, nur Lothar Späth, zeitweise in Jena tätig, bekommt (ordentlich) sein Fett weg („Schaumschläger“, „degoutant“, Teil der Spiegel-„Mischpoke“). Den Studienfreund Bernhard Vogel sieht Kohl als wenig durchsetzungsstark.
Inhaltlich bleibt das Psychogramm eines Mannes, der trotz seiner immensen Macht und eines ausgefeilten Herrschaftssystems, mit dem er die CDU über zweieinhalb Jahrzehnte dominierte, höchst unsicher blieb, sich stets von Feinden umzingelt sah – und der nach dem Machtverlust durch Abwahl und Spendenaffäre verbittert und rachsüchtig war. Bedrückend: Kohl fehlt jedes Unrechtsbewusstsein dafür, mit dem mafiosen „Ehrenwort“ seinen Amtseid als Kanzler gebrochen zu haben. In der Flick-Affäre hatte er sich seinerzeit 79mal (!) auf „Gedächtnislücken“ herausgeredet…
Bei Spiegel Online glaubt Jacob Augstein, „allein das Urteil des Altkanzlers zur Genese der deutschen Einheit ist das Buch wert“. Für Mitglieder der DDR-Bürgerbewegung dürfte es aufschlussreich sein, was der damalige CDU-Vorsitzende und als „Einheitskanzler“ glorifizierte Kohl über sie denkt, wenn er schreibt: „Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert“. Es seien, so missachtend äußert sich Kohl über die DDR-Bürgerbewegung, doch nur die ökonomischen Interessen der Sowjetunion gewesen, die zum Ende der DDR führten.
Stefan Wogawa
Heribert Schwan / Tilman Jens: Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle Heyne Verlag, 256 Seiten, ISBN: 978-3-453-20077-7, 19,99 EUR
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