Nr. 19/2014, Seite 4: „Rennsteig“: Rückeroberung einer Bahnstrecke

Parlamentsreport

Wenn eine stillgelegte Bahnstrecke wieder in Betrieb genommen wird, kann man auch von „Rückeroberung“ sprechen. Insbesondere dann, wenn diese Inbetriebnahme ganz offensichtlich gegen den Widerstand der politisch Verantwortlichen im Land geschieht. Bei einem Vor-Ort-Termin im August mit der verkehrspolitischen Sprecherin der Linksfraktion, Dr. Gudrun Lukin, hat der Geschäftsführer der Rennsteigbahn, Manfred Thiele, die Geschichte „seiner“ Bahn und die der überwundenen Schwierigkeiten erzählt.

Über die Schwierigkeiten und Probleme bei der Eröffnung der Rennsteigbahn kann man auch auf der Internetseite der Linksfraktion weitere Details nachlesen. Aber eigentlich sind die dort geschilderten Sachverhalte nicht der Anfang, sondern das Ende einer langen Geschichte.
Schon die Anreise hatte es für Gudrun Lukin in sich, denn sie kam an einem Mittwoch und die direkte Bahnverbindung Erfurt-Bahnhof Rennsteig gibt es nur an den Wochenenden. Also ging es mit einem Regio-Shuttle von Erfurt nach Ilmenau.

Hier musste zunächst der Bussteig für die Linie „300“ zum Rennsteig gesucht werden – ein freundlicher Busfahrer half weiter. Und die Umsteigezeit von 30 Minuten ließ dann noch Luft für eine Tasse Kaffee in einem kleinen Restaurant. Mit dem Bus, der sich im Laufe der Strecke mit Wanderern und großen und kleinen Ausflüglern gut füllte, ging es dann zum Bahnhof Rennsteig. Der eigentlich kein richtiger Bahnhof ist, denn es gibt keinen Ort in der Nähe.

„Der Bahnhof wurde gebaut, weil eine Dampflok immer Wasser über dem Kessel braucht. Und deshalb muss der Schornstein einer Dampflok immer talwärts zeigen. Damit am Scheitelpunkt der Strecke umgespannt werden konnte, wurde der Bahnhof errichtet“, erzählte der Geschäftsführer gleich zu Beginn des Gesprächs. Nach einem launigen Ausflug in die Eisenbahngeschichte kam Manfred Thiele dann zur Sache. „Seit der Übernahme der Strecke durch die Deutsche Bahn Anfang der 90er Jahre gab es offenbar nur ein Ziel: Stilllegung.“ 1993 wurde der Güterverkehr eingestellt, 1998 der Personenverkehr. „Und dann sollte die Strecke entwidmet und abgebaut werden. Nur mit vereinzelten, aber regelmäßigen Zugfahrten konnte dies verhindert werden.“ 2003 wurde dann die Strecke von der Rennsteigbahn übernommen. „Bei der Übergabe der Urkunden erklärte man mir, niemals würde seitens des Landes auf dieser Strecke eine Bestellung erfolgen“, erinnert sich der Geschäftsführer. Auch die Übernahme des Bahnhofsgebäudes reihte sich nahtlos in die Blockadeaktionen ein. „Obwohl wir einen Pachtvertrag und bereits mehrere Tausend Mark investiert hatten, sollte der Bahnhof versteigert werden. Ich bin zum Termin gefahren und konnte dort in letzter Sekunde den Verkauf verhindern.“

 

„Im Prinzip habe ich den Bahnhof zweimal gekauft“

Am Schluss konnte mit der Bahn ein Kaufvertrag vereinbart werden. „Im Prinzip habe ich den Bahnhof zweimal gekauft. Denn alle Investitionen, die wir im laufenden Pachtvertrag getätigt hatten, wurden von der Bahn nicht anerkannt“, ärgert sich Thiele noch heute.

Umso größer war die Freude, als dann nach einer Krisensitzung Mitte Juni die Shuttlezüge der Erfurter Bahn den Regelbetrieb am Wochenende aufnahmen, wie die Abfahrtstafel am Bahnhofsgebäude zeigt. „Aber natürlich brauchen wir Unterstützung seitens des Kreises und des Landes. Wir sehen uns als wichtigen Teil der touristischen Infrastruktur und bringen Menschen in die Region.“ Manfred Thiele fordert deshalb auch Fördermittel nicht nur für den Streckenerhalt, sondern auch für das rollende Material.

„In Sachsen werden Dampfloks wie touristische Destinationen behandelt. Warum soll das in Thüringen nicht möglich sein?“, richtet er seine Frage an die (zukünftige) Landesregierung. Und zieht einen Zettel mit den bisherigen Fahrgastzahlen aus seinem Ordner. „Klar, im November kommt bestimmt eine saure-Gurken-Zeit. Aber wir haben im Prinzip schon jetzt die prognostizierten Zahlen bis zum Jahresende erreicht“, belegt er den Erfolg des Unternehmens.
„Mit einem gemeinsamen Kursbuch beginnen“

Und auch auf eine Nachfrage Gudrun Lukins hin, wie er sich eine Verknüpfung und Vernetzung der unterschiedlichen Bahnvereine und Initiativen vorstellen würde, zeigt er sich aufgeschlossen. „Wir sollten mit einem gemeinsamen Kursbuch beginnen, wie es in Sachsen bereits aufgelegt wird“, schlägt er vor. Danach könne man Stück für Stück über weitere gemeinsame Schritte nachdenken.

Diese Vernetzung ist für die LINKE-Landtagsabgeordnete eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Vertretung aller Vereine und Initiativen gegenüber der Politik. „Das Land braucht einen einheitlichen Ansprechpartner. Dann kann auch nicht mehr eine Förderung nach persönlicher Beliebtheit erfolgen“, macht sie zum Abschluss des Gespräches deutlich.

Text und Fotos: Matthias Phlak      

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