Nr. 19/2013, Seite 7: Mit dem Patientenshuttle ins Landambulatorium

Parlamentsreport

MdL Jörg Kubitzki zur künftigen medizinischen Versorgung im ländlichen Thüringen

Die medizinische Versorgung besonders im ländlichen Thüringen steht aufgrund des Ärztemangels, der Altersstruktur der Ärzte und auch der Gesellschaft vor enormen Herausforderungen. Jörg Kubitzki, Gesundheitspolitiker der Linksfraktion, hatte bei einem Pressegespräch Thesen und Vorschläge der LINKEN zur künftigen Sicherung der medizinischen Versorgung vorgestellt.

Zur Ausgangslage: In Thüringen waren zum 31.Dezember 2012 im stationären Bereich 4.827, im ambulanten Sektor 3.385 Ärzte, 256 in Behörden und 3.094 Menschen im nicht ärztlichen Dienst tätig. Dabei ist die Zahl der Ärzte im stationären Bereich gestiegen, im ambulanten Bereich stagniert sie. Die Anzahl der Hausärzte ist in den letzten Jahren um ca. 12 Prozent von 1.640 auf 1.466 gesunken. In Thüringen sind derzeit 77 Hausarztsitze, 21 Facharztsitze und 90 Psychotherapeutensitze offen, diese Ärzte fehlen also in der medizinischen Versorgung.

Aufgrund der Altersstruktur ist mit einer rapiden Abnahme der Arztzahlen zu rechnen: 590 Hausärzte und 606 Fachärzte waren in Thüringen zum Jahresende 2010 über 50 Jahre alt und werden bei einer Praxisabgabe mit durchschnittlich 65 Jahren bis zum Jahresende 2020 für die vertragsärztliche Versorgung nicht mehr zur Verfügung stehen. Nach Berechnungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft und der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen ergibt sich im stationären und im ambulanten Bereich bis 2020 ein Gesamtbedarf von 2.540 Ärzten, das wären jährlich etwa 250 neue Ärzte. Die medizinische Versorgung und die Pflege älterer Menschen besonders im ländlichen Bereich stehen vor enormen Herausforderungen. Jörg Kubitzki erläuterte die Vorschläge der LINKEN: Sozialzentren sollten in jeder Landgemeinde oder Verwaltungsgemeinschaft aufgebaut werden. Dafür könnten vorhandene Gebäude genutzt und dort alle sozialen Dienstleistungen angeboten werden. Auch Vereine und Verbände könnten hier Räume haben und Beratungen anbieten: Vor allem wäre der Sitz des Landambulatoriums Kern eines solchen Sozialzentrums, in dem auch eine Versorgung von Demenzkranken vorstellbar wäre und wo ein Koordinator für soziale Dienste erster Ansprechpartner für die Menschen sein könnte. In den Landambulatorien sollten niedergelassene oder angestellte Ärzte arbeiten, darunter mindestens ein Allgemeinmediziner – entweder angestellt in diesem Medizinischen Versorgungszentrum oder beim Krankenhaus oder der Gemeinde. Wenn sich keine Fachärzte niederlassen, könnten an bestimmten Tagen Sprechstunden von Fachärzten abgehalten werden.

Zwischen den einzelnen Orten müsste es über den öffentlichen Personennahverkehr einen Zubringerdienst – Patientenshuttle – zum Landambulatorium oder zu Fachärzten in größere Städte oder Krankenhäuser geben (z.B. über Rufbusse, Fahrdienste oder Taxiunternehmen, die von den Krankenkassen oder im Rahmen neuer ÖBS-Projekte bezahlt werden). Im Landambulatorium sollten auch andere Dienstleistungen, wie z.B. Apotheken, Pflegedienste oder Physiotherapie vorgehalten werden.

Die Linksfraktion fordert mit Blick auf die notwendigen Weichenstellungen ein Landesprogramm, das mit Bundesmitteln unterstützt wird und bei dem alle Fördermittel (Bund, Land, Kassenärztliche Vereinigung, gesetzliche Krankenversicherungen) gebündelt werden. „Bund, Länder und Kommunen müssen gemeinsam Rahmenbedingungen schaffen“, betonte Jörg Kubitzki.

Er verwies im Zusammenhang mit der Ansiedlung von Ärzten auch auf die Notwendigkeit attraktiver Bedingungen vor Ort, was Arbeitsplätze und soziale und Bildungseinrichtungen, wie Kitas und Schulen, betrifft. Als eine „Stellschraube“ bezeichnete er Neuregelungen zur Vergütung von Landärzten, mit denen spezifische Anforderungen berücksichtigt werden (z.B. mehr Hausbesuche und weitere Wege). Notwendig seien mehr die Ärzte entlastende Maßnahmen, wie Gemeindeschwestern (Modell „Verah“) oder Kooperationen mit Sozialstationen.

Die LINKE fordert die schrittweise Überwindung der Trennung ambulanter und stationärer Einrichtungen, den barrierefreien Zugang zu den wohnortnahen Gesundheitseinrichtungen, einen Ausbau der Hospiz- und Palliativarbeit, die bessere Vernetzung der sektorenübergreifenden ambulanten und stationären wie auch pflegerischen Versorgung sowie eine stärkere  Prävention.           

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