Nr. 19/2012, Seite 10: „Auch mal den Sohn beim Fußballspiel sehen“
Verkäuferinnen demonstrierten für den Erhalt ihrer zwei freien Samstage im Monat
Vielleicht ist der eine oder andere noch der Zeit gewahr, als es sich als problematisch erweisen konnte, abends oder an Wochenenden einkaufen zu gehen. Der Thüringer Ladenschluss war unter der Woche bei 20 Uhr angesetzt, am Samstag durften Läden nur bis 16 Uhr öffnen. Als Konsument schielte man, vielleicht im Urlaub angeregt, neidisch in Richtung Amerika, in das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, welches seinen Bürgern in klotzigen Walmart-Fillialen am Stadtrand auch unbegrenzte Einkaufsmöglichkeiten – und das rund um die Uhr – garantierte.
Doch ab 2006 änderte sich die Situation in Thüringen. Inzwischen ist es dem Einzelhandel möglich, werktags theoretisch durchgehend und an Samstagen bis 22 Uhr geöffnet zu haben. DIE LINKE kritisierte diese Entwicklung von Anfang an: Denn wo der Kunde frohlocken mag, sehen sich MitarbeiterInnen im Einzelhandel mit der Forderung nach mehr Flexibilität der Dienstzeiten konfrontiert, häufige Spät- und Samstagsschichten werden zur Regel.
Um einer völligen Entgrenzung der Arbeitszeiten entgegenzuwirken, legte die CDU-SPD-Landesregierung den Einzelhandelsunternehmen zu Beginn des Jahres auf, dass ihre Mitarbeiter jedoch mindestens zwei Samstage im Monat frei bekommen müssten. Letztlich nur das Feigenblatt einer rein wirtschafts- und konsumorientierten Politik, die den Menschen hintanstellt, war diese Verordnung trotzdem besser als gar nichts. Nunmehr soll jedoch auch diese Barriere fallen. Das Möbelhaus Höffner hat bereits Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gegen diese Regelung eingereicht und die regierende Koalition lässt sich aufgeschreckt am Nasenring durch die Manege ziehen. Wenn es nach ihr geht, werden die zwei freien Samstage bald Geschichte sein. Die Gewerkschaften machten am 13.
September gegen die drohenden Zustände mobil. Bereits um 8 Uhr traf sich die Betriebsrätin des Real-Marktes Gothaer Straße in Erfurt mit der LINKEN Abgeordneten Karola Stange in ihrem Büro im Landtag. Bei einem Morgen-Kaffee redeten sie offen über die Verhältnisse im modernen Einzelhandel: Dass in ihrer Filiale von 131 Angestellten noch acht in Vollzeit arbeiten und das auch nur die Personen in Führungspositionen sind. Dass die steigende Zahl von Leiharbeitern teilweise vier Samstage die Woche arbeitet, was dadurch verschleiert wird, dass an als „frei“ deklarierten Tagen in ihrem Markt sie einfach in die andere Erfurter Filiale geschickt werden.
Das alles bei Löhnen, die brutto teilweise 50 Prozent unter denen Festangestellter liegen. Und bei allem wird sie nicht müde hinzuzufügen, dass es ihnen damit noch wirklich gut geht. Die Mitarbeiter anderer Ketten verfügen oftmals nicht einmal über gewerkschaftliche Organisation.
Gleich nach dem Gespräch geht es vor den Landtag zu einer Demonstration von mehr als 100 Einzelhandelsangestellten. Eine ausgerollte Tapete liegt vor den Menschen, darauf zu lesen sind die Dinge, die den (überwiegend weiblichen) Anwesenden ohne ihre Samstage verloren gingen: Den Sohn beim Fußballspiel sehen. Den unter der Woche auf Montage befindlichen Ehemann treffen. Es ist kühl an diesem frühherbstlichen Morgen. Mitarbeiter und Abgeordnete der LINKEN schenken Kaffee aus. Gewerkschafterinnen und Betroffene sprechen, auch Karola kommt zu Wort und macht die Position der Linksfraktion klar, was mit Applaus und lautstarkem, beifälligen Pfeifen quittiert wird. Dann geht es in den Sozialausschuss, das Thema der Abschaffung der beiden Samstage steht auf der Tagesordnung. Eigentlich zumindest. In realiter ist die Sitzung schnell beendet: Zu beiden einzigen zu besprechenden Punkten gäbe es noch „Diskussionsbedarf“ in der Koalition, sie sollen vertagt werden. Der Ausschuss führt sich ad absurdum. Die LINKEN Abgeordneten sind dagegen, wollen Klärung erzielen, wollen das Plenum sinnvoll nutzen, doch gegen die Mehrheit der Regierung haben sie keine Chance. Nach zehn Minuten verlassen die Sozialpolitiker den Konferenzraum. Die Demonstranten vor dem Landtag sind verschwunden, das Thema wird irgendwann im Oktober besprochen. Wenn es zu kalt zum Demonstrieren ist?
Tobias Wolfram
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