Nr. 18/2016, Seite 5: Die Kinderarmut ist ein gesellschaftlicher Skandal
Studie: 21,6 Prozent der Kinder in Ostdeutschland wachsen in Hartz-IV-Familien auf
Trotz guter Wirtschaftslage wuchsen 2015 bundesweit 14,7 Prozent der Kinder unter 18 Jahren in Familien auf, die Hartz IV beziehen. Im Vergleich zu 2011 ist das ein Anstieg um 0,4 Prozent, so das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche“. In Ostdeutschland sank die Quote bis 2015 zwar auf 21,6 Prozent (2011: 24 Prozent), blieb aber auf hohem Niveau. Im Westen stieg sie leicht auf 13,2 Prozent (2011: 12,4 Prozent).
Besonders Kinder mit nur einem Elternteil oder zwei und mehr Geschwistern sind von Armut betroffen: Von allen Heranwachsenden in staatlicher Grundsicherung lebt die Hälfte bei einem alleinerziehenden Elternteil und 36 Prozent leben in Familien mit drei oder mehr Kindern. Für viele Kinder, die Hartz IV beziehen, ist Armut ein Dauerzustand. 57 Prozent der betroffenen jungen Menschen im Alter von sieben bis unter 15 Jahren bezogen drei Jahre und länger staatliche Unterstützung nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II).
In Thüringen wuchsen im vergangenen Jahr mehr als 48.600 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien auf, die Grundsicherungsleistungen bezogen. Das waren 3720 Mädchen und Jungen weniger als noch im Jahr 2011. Der Anteil der von Sozialleistungen lebenden Kinder verringerte sich damit um 2,1 Punkte auf 18 Prozent. Das ist der niedrigste Wert in Ostdeutschland. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede. Besonders hoch ist die Kinderarmut in den Städten, sie betrifft in Gera etwa mehr als jedes vierte Kind. Auch in Erfurt (24,2 Prozent) und in Eisenach (20,3 Prozent) lag der Anteil relativ hoch. Die wenigsten Kinder in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften gab es im Eichsfeld und im Kreis Hildburghausen (jeweils 8,4 Prozent) sowie im Wartburgkreis (8,8 Prozent). Mehr als die Hälfte der Betroffenen in Thüringen (53,6 Prozent) war mehr als drei Jahre auf Grundsicherung angewiesen.
Rückgang in Thüringen durch Einführung des Mindestlohns
„Es ist zwar erfreulich, dass in Thüringen im Vergleich zu anderen ostdeutschen Bundesländern die Kinderarmut zurückgegangen ist, aber der immer noch viel zu hohe Anteil armer Kinder in der gesamten Bundesrepublik ist ein gesellschaftspolitischer Skandal“, kommentierte Karola Stange, Sprecherin für Sozialpolitik der Linksfraktion, die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie. „Wir freuen uns über den Rückgang des Anteils der Kinder in Hartz-IV-Familien in Thüringen. Dies ist ein Ergebnis der Einführung des Mindestlohns, den DIE LINKE immer gefordert hat, und der sich bei dem Thüringer Lohnniveau hier stärker ausgewirkt hat als in anderen Ländern. Die Situation in Gera und Erfurt, wo etwa ein Viertel der Kinder nach wie vor unter Armutsbedingungen aufwächst, macht aber den ungebremsten Handlungsbedarf deutlich. Dies darf eine so reiche Gesellschaft wie die unsere nicht hinnehmen!“
„Perspektivisch brauchen wir eine Kindergrundsicherung“
„Für eines der reichsten Länder der Erde ist es beschämend, dass Kinder und Jugendliche überdurchschnittlich von finanziellen Problemen und Einschränkungen betroffen sind“, kritisierte die Kinderpolitikerin der Linksfraktion, Kati Engel. „Der fehlende politische Wille der Bundesregierung, endlich Maßnahmen gegen Kinderarmut einzuleiten, führt dazu, dass hunderttausende Kinder mit mangelhafter Ernährung, nicht ausreichender Gesundheitsversorgung und schlechteren Bildungschancen aufwachsen müssen. Dies ist ein Verbrechen an den kommenden Generationen! Perspektivisch brauchen wir eine eigenständige Kindergrundsicherung.“
Das Deutsche Kinderhilfswerk forderte ebenfalls Bundesregierung und Bundestag auf, endlich eine umfassende Strategie gegen die Kinderarmut in Deutschland auf den Weg zu bringen. Es sei eine Vielzahl an Reformen insbesondere der Sozialgesetze notwendig. Dabei sollten vor allem die Regelsätze für Kinder und Jugendliche, die frühkindliche Bildung, Bildungsgerechtigkeit in der Schule und die Möglichkeiten des gesunden Aufwachsens im Mittelpunkt der Reformen stehen.
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