Nr. 18/2014, Seite 9: „Ein gewisser Herr Ramelow“ überzeugt

Parlamentsreport

NACHGEFRAGT bei Stefan Wogawa, Autor des im Eckhaus-Verlag erschienenen Buches

Gratulation zur Premiere Deines Buches „Ein gewisser Herr Ramelow“, die mit Gregor Gysi und Bodo Ramelow unter großer öffentlicher und medialer Aufmerksamkeit am 5. September im mon ami in Weimar stattfand...

Vielen Dank! Ich freue mich sehr über das große Interesse an meinem neuen Buch. Es waren über 100 Menschen bei der Buchpremiere, darunter Freunde, Kolleginnen und Kollegen, viele Medienvertreter. Meine Frau und mein Sohn haben mich mit ihrer Anwesenheit überrascht – nur unsere Tochter war auf Klassenfahrt in Jena und konnte leider nicht dabei sein. Laudator Gregor Gysi und „Hauptperson“ Bodo Ramelow waren in bester Form – eine rundum gelungene Veranstaltung!

Eine Punktlandung für diese Buchpremiere war ja die Neuigkeit, die Gregor Gysi verkünden konnte. Was sagst Du?

So ist es. Ich habe am Morgen, während einer Parlamentarierkonferenz in Erfurt, davon erfahren. Ausgerechnet vor der Präsentation eines Buches, das im juristischen Sieg von Bodo Ramelow über den Geheimdienst der Bundesregierung gipfelt, wird bekannt, dass dieser Geheimdienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz, auch die Personenakte über Gregor Gysi komplett löschen muss! Er verdanke das in gewisser Weise der Hartnäckigkeit von Bodo Ramelow, hat Gregor Gysi in Weimar deutlich gemacht. Ich schätze das auch so ein.

Was hat Dich im Zusammenhang mit den Recherchen zu Deinem Buch besonders bewegt?

Es handelt sich ja generell um kein „schönes“ Thema – auch wenn es sozusagen eine Geschichte mit Happy End ist. Aber sich damit zu beschäftigen, wie ein Landtags- und Bundestagsabgeordneter von deutschen Geheimdiensten bespitzelt wird, mit welchen halbseidenen Erklärungen vor allem Rechtsvertreter der Bundesregierung das legitimieren, ist nicht angenehm. Besonders schlimm war aber die Erkenntnis, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Material über Abgeordnete zusammengetragen hat, während es gleichzeitig angesichts der mordenden Neonazi-Terroristen des NSU kläglich versagte. Ebenso versagt es übrigens angesichts der flächendeckenden Internet-Spionage durch den US-Geheimdienst NSA, dessen Aktivitäten ja auch ein Fall für die Spionageabwehr des Verfassungsschutzes sind.

Wie es zu diesem Buch kam –  und zu einer Reihe von anderen –, hat auch mit der besonderen Beziehung zu tun, die Dich mit Bodo Ramelow verbindet. Ihr habt in Weimar beide darüber berichtet, beschreib sie uns bitte kurz.

Das begann letztlich mit einem Zufall. Als Mitarbeiter einer gewerkschaftsnahen Forschungsagentur lag mein Büro im Erfurter Gewerkschaftshaus genau neben dem des Landesvorsitzenden der HBV, Bodo Ramelow. Wir haben uns auf dem Flur getroffen oder am Kopierer und über alles Mögliche diskutiert. Und wir haben an einer seinerzeit legendären Zeitung des DGB Thüringen mitgearbeitet, die trug den ungewöhnlichen Namen „Karussell des Geldes, der Macht, der Finanz- und Wirtschaftspolitik“ – meist als „Karussell“ abgekürzt. Es war die Zeit der „Erfurter Erklärung“ und wir haben in der Redaktion festgestellt, dass die Angriffe auf linke Gewerkschafter in Thüringen zunahmen. Es wurden von der CDU und aus dem CDU-Umfeld Pamphlete veröffentlicht mit dubiosen Vorwürfen. Bodo Ramelow fühlte sich bereits da – und das war sehr hellsichtig – an geheimdienstliche Zersetzungsstrategien erinnert. Wir haben in der „Karussell“ dagegengehalten – ohne zu wissen, wer überhaupt die Gegenseite ist. Ich konnte mit Bodo Ramelow dann – nach einem Forschungsprojekt an der Universität Jena – in der Landtagsfraktion weiter zusammenarbeiten. Als Fraktionsvorsitzender hat er schockiert festgestellt, dass beim Landesverfassungsschutz in Thüringen tatsächlich eine Personenakte über ihn geführt wird – mit den Vorwürfen, die auch in den CDU-Pamphleten zu finden waren; später wurde klar, auch das Bundesamt sammelt… Zu einer Zeit, als er schon Bundestagsabgeordneter war, bin ich mit der Idee an ihn herangetreten, daraus ein Buch zu machen. Er war einverstanden, hat mein Vorhaben aus ganzen Kräften gefördert, ein Vertrauensverhältnis war ohnehin da. Bei dieser Arbeit konnte ich den Decknamen eines Politologen knacken, der seinerzeit anonym die Schmutzarbeit für die CDU gemacht hatte. Im Jahr 2007 war viel Material zusammengekommen, das habe ich dann veröffentlicht.

Deshalb jetzt auch der Untertitel „Der Akte zweiter Teil“?

Genau. Ende 2007 erschien zunächst mein Buch „Die Akte Ramelow“, das die Geschichte eben bis zu diesem Zeitpunkt erzählt. Ich habe die wichtigsten Informationen aber zu Beginn des neuen Buches zusammengefasst, so dass die Lektüre des ersten Teils nicht zwingend notwendig ist. Das aktuelle Buch thematisiert den politischen und juristischen Kampf, die Urteile in vier Instanzen, das Auf und Ab, Erfolge und Niederlagen. Ich nenne es eine „Textcollage“, da ich viele unterschiedliche Textsorten zusammengefügt habe: Berichte, Reportagen, Chronik, Interviews, Zitate aus dem Online-Tagebuch von Bodo Ramelow und aus Medienkommentaren.

Viel gelobt wurde der Herausgeber, der Eckhaus-Verlag Weimar, und die dort entstandene, die spannende Lektüre unterstreichende, gelungene Gestaltung. Wie empfandest Du die Zusammenarbeit und wo ist Dein Buch zu haben?

Dem Lob schließe ich mich vollumfänglich an. Nicht nur, dass Verlegerin Jana Rogge und Cheflektor Ulrich Völkel mich überzeugt  haben, das zweite Buch überhaupt zu schreiben – sie haben richtiggehend darum gekämpft! Die Zusammenarbeit mit diesem engagierten, hochprofessionellen Team habe ich als äußerst motivierend empfunden. Außerdem habe ich Respekt vor dem Mut. Ein Buch zu verlegen, ist immer mit einem finanziellen Risiko verbunden. In die graphische Gestaltung sind die Kompetenzen des Verlags eingeflossen, der vorher Erfahrungen im Werbegrafikbereich gesammelt hat. Das Buch gibt es im Buchhandel – vor Ort und Online – und direkt beim Verlag.


Das Gespräch führte Annette Rudolph    

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