Nr. 13/2016, Seite 6: Viele befinden sich in einer Schuldenspirale
Fachtag: Überschuldete Menschen benötigen umfassende soziale Hilfestellung
„Jeder zehnte Thüringer über 18 Jahren von Überschuldung betroffen“ - so lauteten im Frühjahr die Schlagzeilen anlässlich des Schuldenbarometers für das erste Quartal 2016. Viele von ihnen befinden sich in einer Schuldenspirale, aus der sie ohne professionelle Hilfe nicht entkommen können.
Diese bieten ihnen die 24 anerkannten Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstellen Thüringens, die aber nicht nur angesichts ständig steigender Beratungszahlen zunehmend überlastet sind. Die Beratungsstellen sind schlecht aufgestellt, es fehlt ihnen an Personal und Sachkosten. Deswegen lud die Fraktion DIE LINKE Mitte Juni die Berater gemeinsam mit Experten zu einem Fachtag ein, auf dem es um Lösungsansätze für eine zukünftige bessere Ausstattung der Beratungsstellen ging.
„Überschuldung im Jahr 2016 betrifft weiterhin vor allen Dingen Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende oder Menschen, denen eine sogenannte unwirtschaftliche Haushaltsführung vorgeworfen wird“, so der Neubrandenburger Sozialpädagoge Ulf Groth in seinem Eingangsvortrag zu aktuellen und zukünftigen Problemen der Schuldnerberatung. „Aber es kommen neue Gruppen hinzu und sie werden, wenn wir nicht mit neuen Konzepten für eine erfolgreiche Schuldner- und Insolvenzberatung darauf reagieren, in der Zukunft zu stigmatisierten Gruppen werden, denen ein Ausschluss aus der Gesellschaft droht!“
Zunehmend Ältere betroffen
Überschuldung betrifft zunehmend alte Menschen – eine Folge der unsozialen Umstellung des Rentensystems in den 2000er Jahren, sie betrifft zunehmend neben dem klassischen Bild der überschuldeten alleinerziehenden Mutter auch Männer, die Beratungsangeboten oft zunächst ablehnend gegenüberstehen. Und es betrifft immer mehr Menschen, die trotz Arbeit in die Schuldenfalle geraten – eine weitere Folge der Deregulierung des Arbeitsmarktes. Hier bedarf es, so Groth, neben grundsätzlichen Änderungen von Sozial- und Arbeitspolitik auch Änderungen im Verständnis von Schuldner- und Insolvenzberatungen. Diese müssen sich von ihrem bisherigen rechtlich-fiskalischem Schwerpunkt hin zu einem ganzheitlichen Ansatz entwickeln. „Die Beratungsstellen brauchen ein sozialanwaltliches Grundverständnis, zu dem rechtliche Beratung ebenso gehört wie psychosoziale Betreuung!“ Ein solcher Wandel wird von den Schuldner- und Insolvenzberatern in Thüringen seit langem gefordert, und sie machten in ihren Praxisberichten auf dem Fachtag deutlich, was dazu gehört: Zu allererst eine bessere Ausstattung mit Personal und Sachkosten, dann aber auch ein besserer Zugang zu Fortbildungen und besseren Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Behörden.
Dringender Handlungsbedarf
Elke Wagner von der Beratungsstelle in Saalfeld machte an nur zwei Zahlen beispielhaft deutlich, wie Anforderungen gegenwärtig an der Praxis scheitern: 2015 wurden in der Beratungsstelle insgesamt 830 neue Fälle bearbeitet, von vier Beratungskräften, die aber nicht Vollzeit bezahlt werden.
Und die immer drängender notwendig werdende Präventionsarbeit kann in Saalfeld wie anderswo nur mit einer Teilzeitkraft zu 35 Prozent geleistet werden. Schuld daran, da waren sich alle Anwesenden einig, ist maßgeblich der Verteilungsschlüssel, mit dem das Land Thüringen die Beratungsstellen fördert und der zur Zeit bei einer Beratungskraft für 100.000 Einwohner liegt. Das produziert im Ergebnis die schlechte personelle Ausstattung der Beratungsstellen, die vielerorts zu einer Verschlechterung des Beratungsangebots führt.
Ein solcher Schlüssel, so ein wichtiges Fazit des Fachtages, ist kontraproduktiv für eine zukunftsfähige Schuldner- und Insolvenzberatung in Thüringen. Diana Skibbe, verbraucherpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag, nimmt daher gemeinsam mit ihren Kolleginnen von SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN einen ersten dringenden Handlungsauftrag aus dem Fachtag mit: „Wir werden noch in 2016 die Richtlinien zur Förderung der Beratungsstellen so gestalten, dass diese besser ausgestattet werden können. Dazu gehört auch die Diskussion eines den Aufgabenstellungen der Beratungen angemessener Verteilungsschlüssel.“
Schuldnerberatungsagenda
Zum Schluss des Fachtages ging es um Ansätze einer möglichen „Schuldnerberatungsagenda für Thüringen 2020“: Thüringen braucht mehr Beratungsstellen, um ein wirklich flächendeckendes Angebot ohne weiße Flecken auf der Landkarte zu gewährleisten. Brandenburg mit einer ähnlichen Bevölkerungszahl hat beispielsweise 50 Beratungsstellen.
Die Beratungsangebote müssen um Präventionsbestandteile und sozialpsychologische Komponenten deutlich ausgebaut werden, auch Informations- und spezielle Beratungsangebote für ältere Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund müssen schnell geschaffen werden. Um dies sicherzustellen, muss die bereits existierende landesweit tätige Fachberatungsstelle in ihrer Funktion und ihren Möglichkeiten gestärkt werden. „Die Beratungsstellen“, so Ulf Groth „dürfen zukünftig nicht auf reine Verbraucherinsolvenzberatung reduziert werden. Überschuldete Menschen benötigen eine umfassende soziale Hilfestellung!“
„Mit dem Fachtag“, so Diana Skibbe in ihrer Zusammenfassung, haben wir eine gute Grundlage geschaffen, um jetzt gemeinsam mit den zuständigen Ministerien zu beraten, wie die Schuldnerberatung fest und nachhaltig in die Beratungslandschaft Thüringens integriert werden kann. Denn auch hier kann Rot-Rot-Grün zeigen, was modernes und verantwortliches Regierungshandeln für eine gerechtere und sozialere Gesellschaft bedeutet.“
Jens Schley
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