Nr. 12/2013, Seite 9: Demokratische Schule - ohne Ausgrenzung
Fachtagung „DEMOKRATIE. MACHT. SCHULE. - SCHULE. MACHT. DEMOKRATIE“
„Demokratie macht Schule – Schule macht Demokratie“, unter diesem Motto waren am 6. Juni etwa120 Teilnehmer, darunter Jugendliche mit Schul- und Demokratieprojekten, zu einer Fachtagung in den Thüringer Landtag gekommen. Eingeladen hatten die Landtagsfraktionen DIE LINKE, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zusammen mit dem Bündnis „Mehr Demokratie in Thüringen“.
Ralf-Uwe Beck, Sprecher des Bündnisses, hatte darauf hingewiesen, dass der Themenschwerpunkt Ergebnis der Abschlussdiskussion der Demokratie-Fachtagung im vergangenen Jahr war. Praxisdemokratisch auch die per Abstimmung getroffene Entscheidung, dass die drei Themenblöcke des Veranstaltungsteils „Innerschulische Demokratie“ in Einzelarbeitsgruppen besprochen werden. Dabei ging es um Schulprojekte zur Direktwahl von Schülersprechern, das Programm „Nelecom“ für eine „neue Lernkultur in Kommunen“, an dem sich mehr als 40 Schulen in Thüringen beteiligt haben, und das Förderprogramm „Demokratisch Handeln“.
Zahlreiche Schulprojekte wurden in einer „Projektmesse“ parallel zur Veranstaltung vorgestellt. Bezeichnend die große Spannbreite: Neben „klassischen“ Demokratieprojekten wie der Schülersprecher-Direktwahl auch inklusive Schulprojekte, bei denen behinderte und nichtbehinderte Jugendliche „auf gleicher Augenhöhe“ aktiv sind, sowie generationenübergreifende Projekte mit gemeinsamen Aktivitäten von Jugendlichen und älteren Menschen. Dabei stehen Austausch, Achtung und Wertschätzung der Erfahrungen und Fähigkeiten und des „Verschiedenseins“ der Beteiligten im Mittelpunkt.
Das dürfte in praktischer Umsetzung ziemlich genau das treffen, was der „querdenkende“ Bildungsforscher und Bildungspraktiker Otto Herz als Kern eines demokratischen Schulwesens im Eingangsreferat benannte: Es kommt nicht nur auf die „klassischen“ demokratischen Mitbestimmungsverfahren für Schüler, Lehrer und Eltern an – eine „Baustelle“, auf der noch viel getan werden muss, wie bei den Lehrplan- und Unterrichtsinhalten –, eine wirklich demokratische Schule ist eine Schule ohne jede Ausgrenzung. Also: Gemeinsames Lernen in der Gesamtschule mit allen Schularten unter einem Dach und inklusivem Unterricht und Schulalltag behinderter und nicht behinderter Kinder und Jugendlicher. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Otto Herz immer für die Gesamtschule engagiert hat, bei der alle Beteiligten eine gemeinsame Idee entwickeln. Er versteht das durchaus ganz praktisch – bis hin zur einladenden Gestaltung von Schulräumen.
In der anschließenden Podiumsdiskussion debattierten Vertreter von Schüler- und Elternvertretungen, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und des Lehrerverbandes kontrovers mit dem Thüringer Bildungsminister über Gestaltungs- und Handlungsspielräume der Schulen, die Intensivierung von Demokratiebildung, die auch als „Flankierung“ der Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre angezeigt ist, und darüber, dass es um die kritische Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler als Staatsbürger geht. Aber auch die Lehrer sollten nicht vergessen, engagiert und kritisch für gesellschaftspolitische Verbesserungen im Bildungsbereich aktiv zu sein. Es wurde angemahnt, dass aktuelle Probleme, wie Lehrermangel, anstehende „Pensionswelle“, Unterrichtsausfall und inhaltliche Ausrichtung der Lehrerausbildung, angegangen werden müssten. Auch über die Stärkung von Demokratie und Bürgerbeteiligung bei der Gestaltung der „Schullandschaft“ in Thüringen wurde gesprochen. Vertreter der Bürgerinitiative „Lasst die Schule im Dorf“ bzw. des Fördervereins der Kneipp-Schule in Stützerbach (Ilmkreis) berichteten über ihre kreativen Aktionen, die dem ersten Bürgerbegehren auf Landkreisebene in Thüringen zum Erfolg und der Kneipp-Schule zum Erhalt verhalfen.
Deutlich wurde: Instrumente der direkten Demokratie machen die Diskussionen fundierter und die Entscheidungen transparenter, denn Bürgerbegehrensinitiativen setzen sich bekanntlich sehr intensiv mit „ihrem“ Thema auseinander. So wurde auch ein Schulnetz-Bürgerbegehren aus Eisenach vorgestellt, dem leider nicht so viel Erfolg beschieden war. Den Zuhörern wurde dabei bewusst, dass erfolgreiche direkte Demokratie auch auf gute Rahmenbedingungen angewiesen ist – so z.B., dass der Abstimmungstag nicht durch ein „Schneechaos“ beeinträchtigt wird. Eckhard Bauerschmidt stellte namens der Landrätin des Ilmkreises Neuerungen des Landkreises im Umgang mit der Schulnetzplanung vor. Das Stützerbacher Bürgerbegehren wirkte positiv z.B. auf eine frühzeitige Offenlegung der Planungen und einen breiten Diskussionsprozess mit den Einwohnern des Kreises.
In der abschließenden Gesprächsrunde zogen die Fraktions-Vertreter (für die LINKE Susanne Hennig) und der Sprecher des Demokratie-Bündnisses Schlussfolgerungen für die weitere parlamentarische und außerparlamentarische Arbeit. Einig war man sich darin, dass sowohl Änderungen im Schulrecht und damit zusammenhängenden Bereichen als auch bei Ausgestaltung von Schulstrukturen und Schulprojekten notwendig sind. Zum Abschluss äußerten zahlreiche Teilnehmer den Wunsch, dass es eine Fortsetzungsveranstaltung geben sollte.
Sandra Steck
Weitere Informationen: http://thueringen.mehr-demokratie.de/
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