Nr. 11/2014, Seite 7: Statt „Schrei vor Glück“ „Zalando, aber fair!“ - LINKE und Gewerkschaften fordern bessere Arbeitsbedingungen bei Zalando in Erfurt
Als nicht repräsentativ zurückgewiesen hat die Zalando-Unternehmensführung die kritischen Ergebnisse einer gewerkschaftlichen Befragung von Mitarbeitern am Standort Erfurt. Sie hätten in einer eigenen Erhebung viel mehr befragt und 80 Prozent hätten sich zufrieden geäußert. Kunststück - was will man schon sagen, wenn die Chefs fragen und man hat nur einen befristeten Arbeitsvertrag?!
Und bei Zalando Erfurt sind 90 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse zumeist auf zwei Jahre befristet. Das Versandhandelsunternehmen in Erfurt - ein 100-Millionen-Projekt, in dessen Ansiedlung 22 Millionen Euro Wirtschaftsfördergelder flossen und wo inzwischen 2.000 Menschen arbeiten -, „muss auch für gute Arbeitsbedingungen sorgen“, hatte die Abgeordnete der Linksfraktion, Ina Leukefeld, beim Pressegespräch am 27. Mai im Landtag gefordert. Dort hatten Undine Zachlot, Ver.di Thüringen, und Monika Sossna, DGB Erfurt, die Ergebnisse einer Befragung am 28. und 29. April, die in den in den Schichtbussen und sehr ausführlich vorgenommen worden war, vorgestellt.
Ina Leukefeld: „Dialog ist keine Einbahnstraße“
Die Auswertung der 63 Befragungen ergibt jedenfalls ein ganz anderes Bild als das von der Unternehmensführung verbreitete. Zwar bejahten 57 Prozent die Frage, ob ihnen die Arbeit eher Spaß macht, aber wirklich zufrieden äußerten sich nur 27 Prozent und eine Zukunft bei Zalando sah nicht einmal jeder Zweite.
70,5 Prozent bezeichneten den Arbeitsdruck als teilweise hoch bis sehr hoch. Für etwa die Hälfte sind Lärm, Staubbelastung, Raumklima belastend. Fast 40 Prozent sind bereits im ersten Arbeitsjahr schon einmal krank zur Arbeit gegangen. Etwa jeder Dritte kritisierte Überwachung durch Leistungs- und Personenkontrollen sowie unangemessene Pausenregelungen.
Vor allem müssen der enorm hohe Anteil befristeter Beschäftigungsverhältnisse zurückgedrängt und (auch dadurch) betriebliche Mitbestimmung gesichert werden, forderte die Arbeitsmarktpolitikerin der Linksfraktion, denn dass die Kolleginnen und Kollegen noch keinen Betriebsrat gegründet haben und die Geschäftsführung argumentiert, dass sie dafür schließlich nicht verantwortlich seien, habe eben auch mit ihrer prekären Beschäftigungssituation zu tun.
Ina Leukefeld hatte auch darauf verwiesen, dass sie zusammen mit Karola Stange, Gleichstellungspolitikerin der Linksfraktion und in Erfurt direkt gewählte Landtagsabgeordnete, mehrfach das Werk besichtigt und mit Beschäftigten und der Geschäftsführung gesprochen hatte. In diesem Zusammenhang betonte sie: „Dialog ist keine Einbahnstraße.“ Und schließlich sei Zalando ein Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro, das zudem in 14 Ländern präsent ist und 3.500 Mitarbeiter hat. Undine Zachlot hatte beim Pressegespräch unterstrichen: „Unser Motto lautet ‚Zalando, aber fair!‘ – in diesem Sinne sollte die Unternehmensführung die Probleme angehen, auch damit man den Betrieb guten Gewissens empfehlen kann. Die Ergebnisse unserer Befragung können dabei sicher hilfreich sein“.
Immer noch Niedriglöhne
Hinzugefügt sei: Vielleicht kann sich dann ja auch mehr als die gegenwärtig 47 Prozent der Beschäftigten vorstellen, länger als zwei Jahre bei Zalando zu bleiben. Denn die Befragung gibt auch insofern Anlass zur Sorge, dass Zalando zukünftig seinen Arbeitskräftebedarf nicht mehr wird decken können. Inzwischen bieten schon ganz in der Nähe andere Logistik- und Versandhandelsunternehmen attraktivere Bedingungen, auch was die Entlohnung betrifft.
Ina Leukefeld gab zu bedenken: Selbst wenn jetzt die Zalanda-Stundenlöhne auf 9,04 Euro angehoben wurden, ist es immer noch ein Niedriglohnunternehmen. Eine stärkere Tarifbindung und Mitbestimmung in den Betrieben, so die DGB-Vertreterin Monika Sossna, sei überfällig, da hinke der gesamte Osten hinterher.
A. Rudolph
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