Nr. 10/2014, Seite 8: Dubiose „Hochschultage“ in Jena - Erneut wurde Evangelikalen und Kreationisten ein Podium geboten

Parlamentsreport

Eher harmlos klingt der Name der Veranstaltung, die vom 12. bis 14. Mai an der altehrwürdigen Friedrich-Schiller-Universität stattfand: „Hochschultage Jena“. Doch schon die Organisatoren dieser speziellen „Hochschultage“ lassen aufhorchen:  die Jenaer Dependancen der „Studentenmission Deutschland“ sowie der „Studenten für Christus“ und eine Gruppe „Entschieden für Christus“.

Nun spricht nichts dagegen, dass sich gläubige Studenten austauschen. Doch „Hochschultage“, veranstaltet in den Räumen einer Universität, sollen wohl auf eine wissenschaftliche Veranstaltung hindeuten – was hier eine Art Etikettenschwindel darstellt, betrachtet man die Personalien bei avisierten „Vorträgen, Seminaren und Gesprächsangeboten über zentrale Lebens- und Glaubensfragen“. Zu den ankündigten Referenten zählten evangelikale Christen (eine Glaubensrichtung, die strenge Lebensregeln aus der Bibel ableitet – mit einer Grauzone zum Fundamentalismus) sowie Kreationisten, Gegner der Evolutionstheorie, die die biblische Schöpfungslehre vertreten.

Es ist nicht das erste Mal, dass deren Protagonisten in Jena auftreten. Die ortsansässige Hochschulgruppe der religionskritischen, einem evolutionären Humanismus verpflichteten Giordano-Bruno-Stiftung, kritisierte denn auch im Vorfeld der Veranstaltung: „Besonders kritikwürdig ist jedoch, dass damit aller Erwartung nach zum wiederholten Male auch kreationistische Lehren am Wissenschaftsstandort Jena verbreitet werden.“ Tatsächlich zählten zu den Referenten erneut Mitglieder der einschlägigen „Studiengemeinschaft Wort und Wissen e.V.“. Die Konjunktur solcherart öffentlicher Wortergreifung von Evangelikalen und Kreationisten ist in Thüringen direktes Ergebnis politischer Winkelzüge. Es war der damalige Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU), der den prominenten Kreationisten Siegfried Scherer zum „Erfurter Dialog“ Anfang 2006 in die Staatskanzlei eingeladen hatte. Scherer amtierte seinerzeit als Vorsitzender von „Wort und Wissen“, schon 2002 hatte Althaus ein von ihm mitverfasstes evolutionskritisches Buch in den höchsten Tönen gelobt. Bundesweite Kritik zwang Althaus, von dem dubiosen Vorhaben abzusehen. Stattdessen trat Scherer, von dem der Satz überliefert ist, er glaube, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen, später in einem Hörsaal der Universität Jena auf.

Dem früher dort Wirtschaftswissenschaften lehrenden Reinhard Haupt wurde von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) 2010 das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht. In der Begründung hieß es, Haupt habe sich neben der Tätigkeit als Professor vielfältig engagiert, beispielsweise „als Leiter der Abteilung für Wirtschaft und Ethik in der Studiengemeinschaft Wort und Wissen“. Der bekennende Evangelikale Haupt, nach eigener Aussage ein „der Schöpfungsforschung Nahestehender“, gehörte auch zu den angekündigten Referenten der „Studientage“ 2014. Zu denen zählte Peter Imming, Professor für Pharmazeutische Chemie an der Universität Halle-Wittenberg. Imming wurde 2006 zum 2. Vorsitzenden von „Wort und Wissen“ gewählt. Vom Magazin „stern“ ein Jahr später befragt, für wie alt er die Menschheit halte, verwies Imming ausdrücklich auf ein „Wort und Wissen“-Buch, das von einer Menschheitsgeschichte von nur „wenigen tausend Jahren“ ausgeht (statt zwei Millionen, wie die seriöse Wissenschaft) – und mit dieser Positionierung dem Hardcore-Kreationismus zuzurechnen ist.

Mit Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter war diesmal auch ein SPD-Politiker als Schirmherr der evangelikal-kreationistischen Missionsveranstaltung im Boot. Er habe zudem zugesagt, „ein Grußwort an die Studenten zu richten“, hieß es in der Ankündigung. Die Friedrich-Schiller-Universität Jena muss aufpassen, sich keinen Ruf als Anlaufpunkt und Podium wissenschaftsfeindlicher Obskuranten zu schaffen. Die Giordano-Bruno-Stiftung hatte den Rektor aufgefordert, „zumindest für den Vortrag von Peter Imming keinen Raum der Universität zur Verfügung zu stellen, denn hier geht es nicht um Wissensvermittlung, sondern um die Untergrabung der Naturwissenschaften“.

Stefan Wogawa

(unser Autor hat 1992-1997 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Soziologie, Politikwissenschaft sowie Geschichte der Naturwissenschaften und Technik studiert)

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