Nr. 10/2015, Seite 6: „Gegen die Verdrehung der Geschichte“

Parlamentsreport

Vor der Gedenkveranstaltung zum 8. Mai im Thüringer Landtag, zu der Landtagspräsident Christian Carius (CDU) am Vorabend unter der Überschrift „Gedenken und Erinnern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes“ eingeladen hatte, fand eine Kundgebung vor dem Plenargebäude statt unter dem Motto: „Gegen die Verdrehung der Geschichte. 8. Mai - Tag der Befreiung“.    

In einer gemeinsamen Erklärung hatten der Thüringer Verband der Verfolgten des Nazire-gimes/Bund der Antifaschisten (TVVdN/BdA), dessen Vorsitzende Elke Pudszuhn am Protest teilgenommen hatte (s. Foto), die Jusos Thüringen und ['solid]/SDS Erfurt betont:

„Man kann sich zu recht fragen, warum der Präsident des Thüringer Landtags vom eigentlichen Datum der Befreiung von der faschistischen Barbarei abweicht und sich stattdessen mit seiner Gedenkveranstaltung auf das Ende des zweiten Weltkriegs zurückzieht.

Auf Nachfrage bezeichnet Carius Gedenkveranstaltungen zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, als ‘ideologisch motivierte, phraseologische Geschichtsklitterung der SED-Diktatur’. Diese stehe ‘einer angemessenen historischen Würdigung und Einordnung der Ereignisse im Jahr 1945 entgegen’.“ 

In der Erklärung heißt es weiter: „Der Tag der Befreiung spielt nicht nur für überlebende Verfolgte des Naziregimes, für AntifaschistInnen, DemokratIinnen und WiderstandskämpferInnen eine bedeutende Rolle, er sollte auch für unser Gedenken an die Gräueltaten des Faschismus in Deutschland besondere Würdigung erfahren. Dies erwarten wir auch von verantwortlichen Politikern wie Herrn Carius, der nicht zuletzt durch seine repräsentative Stellung den historischen Hintergrund des 8. Mai eindeutig als Befreiung benennen sollte. Stattdessen ergießt sich Carius’ geschichtliche Bewertung einzig in schaler Polemik gegen eine vermeintliche Ideologisierung.“

Aus der Sicht der Thüringer Friedensarbeit

Ute Hinkeldein, die mit 25 Vertretern der Thüringer Friedensarbeit an der Gedenkveranstaltung teilgenommen hatte, schrieb dazu:

„Der Landtagspräsident, Herr Carius, hatte zum ‘70. Jahrestag des Endes des II. Weltkrieges’ eingeladen, weil es für ihn keine ‘Befreiung’ war, wie aus seinem Grußwort hervorging. Das Grußwort des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow gefiel mir sehr gut, weil er mit ‘Kindheitsmuster’ von Christa Wolf die kulturellen und geistigen Leistungen der Ostdeutschen und der Thüringer mit einbezog – im Gegensatz zu den beiden anderen Rednern, die darauf kaum eingingen. ‘Das Vergangene ist nicht vergangen...’ Dieses Zitat stellte Christa Wolf ihrem Buch voran. Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Gedenkstätte Ettersberg-Buchenwald sagte im Zusammenhang mit den Neonazi-Attacken am 1. Mai 2015 in Weimar: ‘Das gesellschaftliche Klima lässt Neonazis mutig werden.’ Ein sehr kluger Gedanke, der an Christa Wolfs Buch anknüpft und auf die Probleme unserer Zeit hinweist. Dieser Satz könnte auch über der Gedenkveranstaltung stehen. 

„Professor Dr. Norbert Frei von der Friedrich-Schiller-Universität Jena begann seine Festrede mit zwei Bildbetrachtungen, die er symbolhaft für die ‘Epoche 1945’ fand.

Das eine Bild zeigt seiner Meinung nach einen kaum erkennbaren Sowjetsoldaten, wie er die rote Fahne des Kommunismus und des Stalinismus hisst. Das andere Bild zeigt das NSDAP-Reichstagsgebäude in Nürnberg. Davor steht ein pfiffiger GI (amerikanischer Soldat), der den Hitlergruß zeigt und dabei grinst. Damit hätte er die politische Situation gut erfasst, meinte Professor Dr. Frei.

Natürlich darf und kann man subjektive Bildbeschreibungen anstellen, aber das hat mit einer wissenschaftlich fundierten Geschichtsbetrachtung wenig zu tun. Die Frage wäre auch, ob so etwas in eine Gedenkrede gehört. Der ganze Vortrag hat geschickt ein objektives Geschichtsbild ummantelt. Sehr clever für das Schwarz-Weiß-Raster in seinem persönlichen  Zeitfenster.

Es ist der Stil unserer Zeit, der mir schwer im Magen liegt. Deshalb war ich auch nicht mehr in der Lage, am nachfolgenden Stehbuffet und den Gesprächen teilzunehmen.

Was mich umtreibt ist die Angst, dass solche Geschichtsbilder zur Wurzel werden könnten, für die erneute Erlangung der Staatsmacht durch Neonazis. Ganz zum Schluss noch ein wunder Punkt, Herr Carius begrüßte alle anwesenden Gruppen und Gruppierungen, beginnend mit den Vertretern der Bundeswehr und der westlichen Alliierten. Nur die 25 Vertreter der Thüringer Friedenskoordination wurden vergessen. Waren sie nicht willkommen? Wusste er von unserer Anwesenheit nichts?  Wie auch immer!

Haltet mich für kleinlich, aber an solchen Gesten erkennt man geistige Haltungen, unter denen schon Kurt Tucholsky litt. 2015 hat er seinen 125. Geburtstag. 

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