Nr. 10/2013, Seite 6: LINKE Abgeordnete mit bewegender Lesung - Zum mahnenden Gedenken an den 80. Jahrestag der NS-Bücherverbrennung

Parlamentsreport

„Dies war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine, 1821) Dieser Ausspruch, über ein Jahrhundert vor den Ereignissen jenes Maiabends geschrieben, kann nicht direkt in Verbindung zu den faschistischen Bücherverbrennungen der deutschen Studentenschaft gebracht werden und doch beschreibt dieser Ein-Zeiler so treffend wie kein anderer, welche Bedeutung dieser 10. Mai 1933 besitzt.

Die „Aktion wider dem undeutschen Geist“, die den Auftakt einer vier Wochen andauernden Hetz-Kampagne bildete, stellte vielmehr eine Aktion des deutschen Ungeistes dar. Es war eine Aktion gegen jeden jüdischen, marxistischen oder pazifistischen Schriftsteller und zeigte auf, welcher zerstörerische Geist dem Nationalsozialismus innewohnt. Mit dem Vorwurf „undeutsch“ zu sein, war der Begründung genüge getan und Bücher und Texte wurden unter Schmährufen ins Feuer geworfen, Autorinnen und Autoren wurden eingesperrt oder gezwungen, ins Exil zu gehen.

Erich Kästner, der diesen Abend treffend mit Begräbniswetter, welches über der Stadt hängt, beschrieb, erinnerte sich später an jenen Tag auf dem Berliner Opernplatz: „Als am 10. Mai 1933 die deutschen Studenten in allen Universitätsstädten unsere Bücher tonnenweise ins Feuer warfen, spürten wir: Hier vollzieht sich Politik, und hier ereignet sich Geschichte. Die Flammen dieser politischen Brandstiftung würden sich nicht löschen lassen. Sie würden weiterzüngeln, um sich fressen, auflodern und Deutschland, wenn nicht ganz Europa, in verbrannte Erde  verwandeln. Es würde so kommen und es kam so.“ (Erich Kästner, 1946)

Deutschland, das einstige „Land der Dichter und Denker“, hatte sich selbst an jenem Abend seiner Kultur beraubt, sie verbrannt. Etwas, von dem es sich bis heute nicht erholt hat und dessen Nachwirkungen immer noch zu spüren sind. Es hilft nicht nur an diesen Tag mahnend zu gedenken, sondern vielmehr müssen diese Texte auch gelesen werden.
Denn, um es in den Worten von Werner Treß zusagen: „Gerecht werden können wir den ‚verbrannten Büchern’ aber nur, wenn wir uns bei ihrer Lektüre fragen, ob wir uns heute noch an ihnen messen können und ob wir so manche verschüttete Idee vielleicht sogar wieder aufgreifen und sie übertreffen können.“

Mit einer bewegenden Lesung – per Livestream übertragen auf der Internetseite der Fraktion – gedachten in ihrer Sitzung am 15. Mai die Abgeordneten und MitarbeiterInnen der LINKEN Schriftstellern, deren Bücher die Nazis vor 80 Jahren auf Scheiterhaufen verbrannten. Bodo Ramelow las Erich Kästner. Zu Beginn „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?“ und abschließend „Fantasie von Übermorgen“. Ergreifend die Passage aus Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, vorgetragen von Birgit Klaubert. Rosa Luxemburgs Ermordung, die Egon Erwin Kisch im „Rettungsgürtel an der kleinen Brücke“ so eindringlich beschrieb, brachte Heidrun Sedlacik in Erinnerung. Dirk Möller trug Heinrich Kurtzig „Der Buchbinder“ und Carl von Ossietzky „Antisemiten“ vor. Ina Leukefeld hatte sich den (köstlichen) Text „Der Mensch“ von Kurt Tucholsky, veröffentlicht unter dem Pseudonym Kaspar Hauser in der Weltbühne vom 16.06.1931, ausgesucht.

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