Nr. 10/2012, Seite 8: Gedenkveranstaltung des Landtags: 70 Jahre Deportation der Thüringer Juden

Parlamentsreport

Es begann im heutigen Abgeordnetenhaus - Gedenkveranstaltung des Landtags: 70 Jahre Deportation der Thüringer Juden

Im voll besetzten Plenarsaal – auch viele Jugendliche waren anwesend - betonte Birgit Diezel: „Wir sind uns schmerzlich bewusst, dass die Deportationen ihre Anfänge im heutigen Abgeordnetenhaus des Thüringer Landtags nahmen. Von hier aus wurden die Vorbereitungen für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung geplant.“

Die Landtagspräsidentin weiter: „Die Einrichtung dieses Erinnerungsortes ist umso wichtiger, als Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder ein ernst zu nehmendes gesellschaftliches Problem in unserem Land darstellen. Wir alle sind ethisch verpflichtet, gegen rechtsradikales Gedankengut schon bei den ersten Anzeichen vorzugehen, da rechtsradikale Ideologien fundamental dem Kern unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung widersprechen. Gerade in diesen Tagen, da wir an die Deportation der Thüringer Juden erinnern, gibt es eine Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Aktionen in unserem Land, die Verantwortung für die Geschichte mit der eindeutigen Botschaft des „Nie Wieder“ verbinden.“

Charlotte Knobloch mahnte in ihrer Gedenkrede: „Die zeitliche Distanz zur Schoah wächst. Leid, Schmerz und Trauer sind jedoch bis heute spürbar. Wie schnell und hemmungslos aus Vorurteilen Hass und aus Hass Völkermord werden kann, hat sich fest in das Bewusstsein der jüdischen Gemeinschaft eingebrannt.“

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden betonte: „Unsere freiheitliche Demokratie lebt von Zivilcourage. Verfolgung, Gewalt, und Mord haben Vorstufen. Wegschauen ist eine davon. Sich abwenden, wenn Menschen in Bedrängnis geraten, geflissentlich weghören, wenn Vorurteile verbreitet werden, und abwiegeln, wenn rechte Gewalttaten angeprangert werden – das alles sind Anfänge, denen es zu wehren gilt. Es gilt eine Erinnerungskultur mit der Botschaft des „Nie Wieder“ zu etablieren, die von Hoffnung geprägt ist und von Entschlossenheit, eine Gesellschaft ohne Hass und Ausgrenzung zu gestalten und zu bewahren.“

Charlotte Knobloch, die die Gedenkveranstaltung im Thüringer Landtag ausdrücklich gewürdigt hatte und gefragt, warum es diese nur in Thüringen gibt, kritisierte die verantwortliche Politik, die den Rechtsextremismus zu lange unterschätzt habe. Überrascht habe sie nicht die bekannt gewordene Neonazi-Mordserie, sondern die „Ahnungslosigkeit“ der Rechtsorgane und des Staates.

Der Vorsitzende der Linksfraktion, Bodo Ramelow, hatte in einer Pressemitteilung zum 70. Jahrestag des Beginns der Deportationen betont: „Wenn wir eine Wiederkehr solcher schrecklichen Ereignisse in der Zukunft verhindern wollen, dann müssen wir den Mut aufbringen, auf andere zuzugehen.“ All denen müsse entgegentreten werden, „die in unserer Gesellschaft aus unterschiedlichen Hautfarben, Glaubensbekenntnissen und kulturellen Traditionen die Berechtigung zur Unterdrückung und Gewaltanwendung ableiten“.

Bodo Ramelow begrüßte, dass der Landtag sich mit der Aufarbeitung der Geschichte intensiv beschäftigte und eine ehemalige Haftzelle der Öffentlichkeit zugänglich macht. „Die Erinnerung an die Geschichte des Hauses als früheres Gestapo-Hauptquartier ist ein unverzichtbarer Bestandteil, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.“

 

                   

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