Nr. 09/2015, Seite 7: 8. Mai: „Wer nicht feiert, hat verloren“

Parlamentsreport

Aus der Rede von MdL Katharina König zum 70. Jahrestag der Befreiung

Auf Antrag der Fraktion DIE LINKE hatte sich der Thüringer Landtag in einer Aktuellen Stunde am 29. April mit dem Thema „70. Jahrestag der Befreiung – Erinnerung, Gedenken, Verantwortung“ beschäftigt. Für die Linksfraktion ergriff Katharina König, Sprecherin für Antifaschismus, das Wort. Hier Auszüge aus dem Plenarprotokoll:

„Ein Überlebender des Konzentrationslagers in Theresienstadt hat im Zusammenhang mit den, den Wochen und Monaten vor dem 8. Mai einhergehenden Kämpfen, dank denen wir in Deutschland befreit wurden, gesagt: „Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen – Dresden brennt, die Alliierten sind nicht mehr weit. Das war psychologisch ungeheuer wichtig für uns.“

Ich glaube, in diesem Zusammenhang muss man auch die so oft kritisierten Opfer und das Leid derjenigen in Deutschland einordnen, die durch die Angriffe bzw. durch die Verteidigung der Alliierten geschädigt wurden. Natürlich gab es die auch. Aber das Entscheidende ist: Durch die Alliierten ist das Leid von Millionen Menschen jüdischen Glaubens, von Hunderttausenden Sinti und Roma, von Homosexuellen, von Menschen, die einer anderen politischen Überzeugung waren, beendet worden.

Der 8. Mai kennzeichnet somit das Ende der historisch singulären, barbarischen Negation der Zivilisation, nämlich des von Deutschland ausgegangenen systematischen, industriellen und staatlich organisierten Massenmordes. Er kennzeichnet nicht nur das Ende der Schoah, das Ende der Vernichtung eines ganzen Volkes in den Konzentrationslagern, das Ende des Dritten Reiches. Insofern möchten wir anlässlich des 8. Mai und am 8. Mai der Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gedenken, aber wir möchten auch danken, und zwar denjenigen danken, die Widerstand geleistet haben; seien es die Partisanen in den europäischen Ländern, seien es die Menschen in Deutschland, die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die deutschen Jüdinnen und Juden – all diejenigen, die sich in den Jahren vor dem 8. Mai 1945 zur Wehr gesetzt haben und versucht haben, das nationalsozialistische Regime zu beenden.

Laut dem Präsidenten des Thüringer Landtags, Herrn Carius, ist der 8. Mai angesichts des millionenfachen Leids kein Grund zum Feiern für Deutsche. So hat er es zumindest in einem Brief an Susanne Hennig-Wellsow, unsere Fraktionsvorsitzende, geschrieben. Ich sage: Das stimmt nicht. Der 8. Mai ist auch für uns ein Tag zum Feiern. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass das Feiern natürlich die Erinnerung, das Gedenken, die Verantwortungsübernahme für das, was unsere Väter, unsere Großväter getan haben, mit beinhaltet. Aber, ja, wir feiern. Wir feiern den 8. Mai als Tag der Befreiung und wir müssen angesichts des aktuellen Neonazismus hier in Thüringen, wie er uns an diesem Wochenende bevorsteht, definitiv auch ins Handeln kommen, dass viele an diesem Wochenende mithandeln. Wir möchten Danke sagen, danke, thanks, spasibo, merci an die Alliierten, an die Partisanen, an diejenigen, die uns befreit haben vom nationalsozialistischen Regime, und wir möchten auch sagen: Wer nicht feiert, hat verloren. Insofern hoffe ich, dass es am 8. Mai viele Befreiungsfeiern hier in Thüringen gibt. Und wir werden uns in der Koalition dafür einsetzen, dass der 8. Mai eine würdige Form des Erinnerns, des Gedenkens und des Handelns erhält.

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