Nr. 08/2015, Seite 5: Der 8. Mai Gedenktag für die Befreiung
Koalitionsfraktionen legen dem Thüringer Landtag einen Gesetzentwurf vor
Einen Gesetzentwurf zur Einführung eines Gedenktages für die Befreiung vom Nationalsozialismus am 8. Mai legen jetzt die Koalitionsfraktionen dem Landtag vor. Bislang fehlt eine angemessene Würdigung der Befreiung vom Nationalsozialismus und des damit verbundenen Endes des zweiten Weltkriegs. Daher soll der 8. Mai künftig als regulärer Gedenktag begangen und zu diesem Zweck in das Thüringer Feiertagsgesetz aufgenommen werden. In der Begründung des Gesetzentwurfes heißt es:
Am 8. Mai 1945 kapitulierte das faschistische Deutschland endgültig und bedingungslos. Damit endete das furchtbarste Schlachten auf europäischem Boden. Ausgelöst hatte diesen 2. Weltkrieg Deutschland mit dem Überfall auf seine Nachbarn, gefolgt von barbarischem Terror gegen die Zivilbevölkerung praktisch aller besetzten Länder. Für unsere europäischen Nachbarn war und ist der 8. Mai daher ein Tag der Freude und des Feierns, aber auch der Besinnung und des Gedenkens an die Millionen Opfer deutscher Weltherrschaftspläne. Für viele Deutsche hingegen war der 8. Mai der Tag der Niederlage, der Katastrophe und der Beginn der Besatzung durch die Truppen der Siegermächte. Aber es gab auch die hunderttausenden in Konzentrationslagern eingepferchten und gequälten Systemgegner, Homosexuellen, Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung und die in Anstalten als unwert Selektierten und Verstümmelten.
Für sie bedeutete der 8. Mai 1945 das Ende ihrer unmenschlichen Leiden, der Bedrohung mit dem Tode, des industriellen Massenmordes, der Vernichtung durch Arbeit. Diesen Menschen vor allem, ihren ermordeten Leidensgenossen, aber auch den Kriegstoten widmete der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine historische Gedenkrede anlässlich des 40. Jahrestages des Endes des 2. Weltkrieges am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag als er von einem „Tag der Befreiung“ auch für die Deutschen sprach.
Wörtlich sagte er: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg. Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, das es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit. Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.“
Angesichts der auch vom ehemaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker herausgestellten hohen Bedeutung des 8. Mai für die Auseinandersetzung mit der deutschen Verantwortung für Krieg, Völkermord, Versklavung und Massenvernichtung einerseits sowie der daraus erwachsenen Verantwortung für eine friedliche Entwicklung in Europa verbunden mit der Garantie für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde andererseits, erscheint es geboten, diesem besonderen Tag auch eine besondere Bedeutung in der Erinnerungskultur des Landes Thüringen einzuräumen und ihn als Gedenktag gesetzlich zu verankern.
Ein solcher Schritt unterstreicht den Willen der staatlichen Institutionen, sich der Lehren aus der deutschen Geschichte anzunehmen, diese an künftige Generationen weiterzugeben und konsequent für Grundrechte, Frieden und Demokratie einzustehen. Der Gedenktag wäre ein klares Signal gegen jedwede Relativierung der NS-Herrschaft oder der Kriegsschuld, ein Bekenntnis, neonazistischen und rassistischen Bestrebungen kompromisslos entgegenzutreten.
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