Jugoslawisches Experiment: Arbeiterselbstverwaltung mit Licht und Schatten
Begriffe wie „Produzentendemokratie“ und „Arbeiterselbstverwaltung“ tauchen in vielen linken Debatte über eine alternative Wirtschaftsordnung auf. Sie sind, so hat es einer der besten Kenner der jugoslawischen Geschichte, Bors Kanzleiter, einmal formuliert, „untrennbar mit dem ‚jugoslawischen Experiment‘ verbunden“. Seit der Abkehr der Kommunistischen Partei von Moskau 1948 habe Jugoslawiens „Dritter Weg“ mit der Proklamation der „Arbeiterselbstverwaltung“ einen auch international „wichtigen Referenzpunkt für die Ideen einer demokratischen Linken“ gebildet.
Das Selbstverwaltungssystem blieb aber auch in Jugoslawien stets umkämpft. Für ein näheres Verständnis dieser Diskussionen ist ein von Paul Michel herausgegebener Sammelband sehr nützlich. Das Buch enthält außerdem Beiträge zur Geschichte Jugoslawiens sowie unter anderem zur Praxis-Gruppe und stellt biografische Skizzen daneben.
Die Arbeiterselbstverwaltung, 1950 institutionalisiert, führte dazu, dass in über 6.000 Betrieben von den Belegschaften Arbeiterräte gewählt wurden. Diese höchsten Kontrollorgane entschieden über Produktion, Geschäftskurs und Organisation der Firmen, sie genehmigten den Wirtschaftsplan und wählten den Verwaltungsausschuss, der gewissermaßen als Management agierte und für Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen und allgemein die Abläufe zuständig war.
Michel weist darauf hin, dass die Umsetzung des Konzepts in die betriebliche Praxis sehr unterschiedlich gewesen sei. „Bei einigen lief es gut, bei anderen weniger gut. An wichtigen Managemententscheidungen waren die Arbeiterräte nicht oder nur oberflächlich beteiligt. Oft bestimmten Vorarbeiter, Techniker und Büroangestellte in recht autokratischer Form, wo es lang geht. Als hinderlich erwies sich das oft recht niedrige Qualifikations- und Bildungsniveau bei vielen Arbeitern.“ Aber richtig ist auch: Die Belegschaften in den anderen realsozialistrischen Staaten oder in den westlichen Industriegesellschaften konnten von solchen Mitwirkungs- und Autonomierechten nur träumen.
Dass das System auch Destruktivkräfte freisetzte, gehört zur historischen Erfahrung, aus der zu lernen wäre, etwa die Rolle von Marktkräften, die in Jugoslawien seit den 1950er Jahren statt Kooperation eher die Konkurrenz von Betrieben entfachte. PR
Paul Michel (Hg.): Die jugoslawische Arbei- terselbstverwaltung. Licht und Schatten, Neuer ISP Verlag 2020, 145 S., 14,80 Euro.
