Erfolg: Schulische Abschlussprüfungen an Berufsschulen abgeschafft!

Parlamentsreport

Im Oktober 2022 wandten sich die Schülersprecherinnen und –sprecher der Sebastian-Lucius-Schule in Erfurt an den Petitionsausschuss des Thüringer Landtages. Sie forderten die Abschaffung der Schulischen Abschlussprüfungen (SAP) an Berufsschulen. Als Außenstehende könnte man sich nun fragen, was das soll? Prüfungen, insbesondere Abschlussprüfungen, sind normal in unseren Schul- und Ausbildungssystemen. Mithilfe von Prüfungen sollen die Kenntnisse und Fertigkeiten der Schülerinnen und Schüler festgestellt werden. Klar, jeder und jede kennt Prüfungen aus der eigenen Schullaufbahn und niemand hat sich auf Prüfungen gefreut, da sie auch eine große psychische Belastung darstellen und nicht selten über den weiteren Lebensweg entscheiden. Man könnte auf die Forderung der Petent:innen also mit einem Schmunzeln im Gesicht und achselzuckend sagen: Ich verstehe euch, Prüfungen sind unangenehm und anstrengend, doch deswegen können sie doch nicht einfach abgeschafft werden. Schaut man jedoch genauer hin, offenbaren sich einige Hintergründe, die die Forderung in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Kammerprüfungen wichtiger als Abschlussprüfung

Da die Petition veröffentlicht und von insgesamt 3.255 Menschen unterstützt wurde, kam es am 31. August 2023 im Thüringer Landtag zu einer öffentlichen Anhörung vor dem Petitionsausschuss. Die Petentinnen und Petenten führten aus, dass bereits während der Corona-Pandemie die schulischen Abschlussprüfungen an Berufsschulen ausgesetzt wurden. Dies sei nach Aussage des Bildungsministeriums im Wesentlichen zur Kontaktvermeidung, aber auch im Sinne der Entlastung der Berufsschülerinnen und –schüler aufgrund des eingeschränkten Präsenzunterrichts erfolgt. Da nun aber der Berufsschulunterricht wieder vollständig in Präsenz erteilt werde, bestehe keine Veranlassung mehr, die schulischen Abschlussprüfungen auszusetzen, so zumindest die erste Aussage des Ministeriums zu der Forderung. In der öffentlichen Anhörung wurden aber noch weitere Argumente gegen die Prüfungen vorgetragen. So würden die Berufsschülerinnen und –schüler nicht nur in der Berufsschule geprüft, sondern auch von den jeweiligen Kammern. Die Kammerprüfungen seien aber ungleich wichtiger und entscheidender für den Berufsabschluss, da sie bundesweit vergleichbar seien. Thüringen jedoch sei das einzige Bundesland, das an einer schulischen Abschlussprüfung festhalte. Alle anderen Bundesländer hätten die Schulischen Abschlussprüfungen mittlerweile gänzlich abgeschafft. Durch die Doppelbelastung und den zusätzlichen Stress könnten sich die Auszubildenden nicht angemessen auf die vier Kammerprüfungen fokussieren.

Verschlechterung der Leistung durch SAP

Zudem müssten für die SAP Inhalte gelernt werden, die über zwei Jahre in der Vergangenheit lägen und für die Kammerprüfungen keine Relevanz hätten. Darüber hinaus diene die SAP lediglich dazu, den Schnitt von Schülerinnen und Schüler zu verbessern, die einen Notendurchschnitt von 2,45 oder schlechter hätten. Um aber bei einem Notendurchschnitt von 3 auf eine Abschlussnote von 2 zu kommen, müsse man in der SAP die Note 1 erreichen, was unrealistisch sei und so gut wie nie vorkomme. Die SAP habe vielmehr die Konsequenz, dass die bisherigen Noten bestätigt würden oder sich durch den zusätzlichen Leistungsdruck sogar verschlechterten. Die zur Anhörung anwesenden Berufsschullehrerinnen bestätigten die Argumente der Petentinnen und Petenten. Geschätzt habe sich nur eine Schülerin beziehungsweise ein Schüler von 1.000 durch die SAP verbessern können.

Lehrende an der Seite der Schülerinnen und Schüler

Hinzu komme, dass auch die Fachlehrerinnen und -lehrer am Ende des Schuljahres umfangreiche Aufgaben als Prüferinnen und Prüfer hätten. Es seien Prüfungen zu erstellen, zu kontrollieren und Endnoten für das Schulzeugnis zu erteilen. Nebenbei erstellten viele ehrenamtlich Prüfungen für die Kammern, die an den Wochenenden kontrolliert würden. Dies sei eine enorme Arbeitsbelastung. Vor dem Hintergrund, dass Thüringen das einzige Bundesland sei, dass an der Schulischen Abschlussprüfung festhalte, die Prüfungen eine Doppelbelastung für die Auszubildenden darstellten und kaum eine Schülerin oder Schüler sich durch die SAP verbessere, sahen die Mitglieder des Petitionsausschusses keine Grundlage für die Beibehaltung eines solchen Verfahrens.

Erfolg der Petition

Auch das Bildungsministerium kündigte an, die Schulischen Abschlussprüfungen zu reformieren, da von allen Beteiligten Reformbedarf angezeigt worden sei. Die genaue Ausgestaltung sollte zwar unter Anhörung aller Beteiligten erfolgen, doch im Kern die SAP durch eine Abschließende Leistungsfeststellung (ALF) ersetzt werden. Die Petentinnen und Petenten kritisierten aber zu Recht, dass das Problem nicht gelöst werde, wenn es nach der Reform trotzdem Abschlussprüfung für alle Schülerinnen und Schüler gebe. Nach Mitteilung des Bildungsministeriums, habe man mittlerweile auch vom Plan der Einführung einer Abschließenden Leistungsfeststellung Abstand genommen. Thüringen geht jetzt nun doch keinen Sonderweg mehr und schafft die Schulischen Abschlussprüfungen bereits für das Schuljahr 2023/2024 ersatzlos ab. Damit konnten sich die Auszubildenden mit ihren nachvollziehbaren und vernünftigen Argumenten gegen die Prüfungen durchsetzen. Die Petition wird voraussichtlich in einer der nächsten Sitzungen des Petitionsausschusses erneut aufgerufen. Mit der Abschaffung der SAP könnte sie mit Erfolg abgeschlossen werden. Damit zeigt sich einmal mehr, dass es sich lohnt, sich an den Petitionsausschuss zu wenden und sich für konkrete Verbesserungen und Veränderungen einzusetzen, sei es im Bildungswesen oder anderswo.

 

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