Eine Richtungsentscheidung: Die Corona-Krise, die Thüringer Wirtschaft und der sozial-ökologische Wandel.
Weltökonomie und hiesige Wirtschaft erleben derzeit einen historischen Einbruch. Wie lange dieser anhält und mit welchen regionalen Folgen, ist nur schwer abzusehen. Mit Blick auf Thüringen konstatiert das Institut Prognos eine im Vergleich zu anderen Regionen stärkere Betroffenheit von der Corona-Krise. Grund: Unter anderem ein starkes Gewicht der Vorleistungen und Investitionsgüter (Metall- und Elektroindustrie, Chemische Industrie, Maschinenbau, Fahrzeugbau). In Ostdeutschland hat Thüringen mit 24 Prozent einen überdurchschnittlichen Beschäftigtenanteil in Branchen mit hoher Betroffenheit.
Schon jetzt geht es also auch um die Frage des ökonomischen „Wiederaufbaus“. Dabei wird auf zwei zentrale Punkte verwiesen: Erstens: was in der Corona-Krise an ökonomischen Problemen zum Ausdruck kommt, hat teilweise seinen Ursprung vor Ausbruch der Pandemie. Für Weltwirtschaft und Ökonomie in der Bundesrepublik hatte es bereits 2019 deutliche Signale einer Abkühlung, wenn nicht sogar der anstehenden Krise gegeben.
Ein zweites Problem liegt in der Frage, ob eine „Strategie der Rückkehr“ oder der bloßen Wiederherstellung des Vor-Corona-Standes wirtschaftspolitisch und gesellschaftspolitisch überhaupt sinnvoll ist. Schon vor der Pandemie-Krise galt ein umfassender Strukturwandel vor allem in verschiedenen industriellen Sektoren als anerkannte Herausforderung. Stichpunkte sind hier Klimakrise, Wandel im Mobilitätsbereich, Digitalisierung, Umbau der energetischen Basis usw.
Daran zu erinnern, ist keineswegs nur eine linke Spezialität. Die Nationalakademie Leopoldina formuliert: „Alle politischen Maßnahmen, die nicht der unmittelbaren Rettung von Unternehmen dienen, müssen sich auf nationaler wie internationaler Ebene an dem Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren… Der Aufbau einer klimafreundlichen Wirtschaft und eine konsequente Mobilitäts- und Landwirtschaftswende setzen wesentliche Impulse für Innovation und Wachstum.“
Auch Maja Göpel, die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen, und Achim Truger, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, warnen davor, „bei der Frage nach den besten Exit-Strategien“ nicht Fragen der Nachhaltigkeit aus dem Blick zu lassen. Es gehe um „klare Ziele von Gesundheit und Ressourcenschutz bis Bildung, Gerechtigkeit und Kaufkraft“. Solche Indikatoren sollten nach Ansicht der beiden Expert*innen nun stärker berücksichtig werden, es gehe „um einen neuen Gesellschaftsvertrag, der den Schutz gefährdeten Lebens heute mit Schutz für faires Zusammenleben morgen und Schutz stabiler Lebensgrundlagen übermorgen kombiniert“.
Eine solche Orientierung kann durchaus die Eigeninteressen von Unternehmen und die gesellschaftlichen Interessen zusammenführen. Es geht im Grunde um die Frage, ob wir durch Konjunkturhilfen und Fördermaßnahmen nur die Wiederherstellung eines vorigen Standes erreichen wollen, oder ob im Zuge des „Wiederaufbaus“ zugleich die schon länger bekannten Herausforderungen angepackt werden.
Oder anders formuliert: Setzen wir öffentliches Geld dafür ein und ändern Regelwerke nur mit dem Ziel, die Wirtschaft lediglich wieder auf einen Stand zu bringen, an dem viele der Herausforderungen in Sachen Strukturwandel und ökologischer Umbau noch vor uns lägen? Oder nutzen wir eine kritische Gelegenheit, um mit den Konjunkturhilfen und Fördermaßnahmen nicht nur die Corona-Krise, sondern auch zugleich diese schon „älteren“ Herausforderungen zu bewältigen?
Es liegt in zweiter Variante die Chance einer Win-Win-Situation. Nochmal Göpel und Truger: Eine kluge Kombination wirtschaftswissenschaftlicher Konzepte und wirtschaftspolitischer Instrumente könnten „ein Wirtschaftswunder 2.0 freisetzen, das kurzfristigen Stabilitätsgewinn mit langfristiger Versorgungssicherheit kombiniert“. Auch in der Zivilgesellschaft und mit Unterstützung von Unternehmen wird auf einen über die Corona-Krise hinausblickenden Fokus gepocht.
Eine solche Richtungsentscheidung dürfte unter dem Strich auch für die öffentlichen Haushalte billiger sein. Es bringt eher unternehmerische und gesellschaftliche Interessen zusammen. Es ist nicht nur umweltpolitisch, sondern vor allem arbeitsmarktpolitisch nachhaltiger. Und es entspricht eher den im Koalitionsvertrag vereinbarten Zielsetzungen.
Rot-Rot-Grün in Thüringen hat Ziele vereinbart, die durch neue Umstände (Corona-Krise) keineswegs überholt sind, sondern im Gegenteil: die gerade jetzt verfolgt werden sollten, um nicht nur die Folgen der Pandemie, sondern schon vorher bestehende Herausforderungen (Strukturwandel, Klimakrise) zu bewältigen.
Das alles ist kein bloßer Wunschzettel, sondern es hat bereits die Umsetzung begonnen. Nur ein Beispiel: Die Landesentwicklungsgesellschaft hat eine Website der „Koordinierungsstelle Transformation“ an den Start gebracht, die Informationen rund um den Strukturwandel des Thüringer Automotive- Sektors zusammenfasst. „Globale Veränderungen der Märkte, neue Technologien, Digitalisierung, gesellschaftliche Entwicklungen und politische Vorgaben führen zu immer kürzeren Innovationszyklen bei Fahrzeugen und Mobilitätsangeboten“, heißt es da. Und wer hier – für Thüringen vor allem entscheidend – „in den vorgelagerten Zulieferbranchen langfristig Erfolg haben will, muss seine Produktionsprozesse, Produkte und Geschäftsmodelle daher ständig hinterfragen und seine Kompetenzen wie auch das Produktportfolio im Kontext aufkommender Trends weiterentwickeln“.
Auf diesem vom Koalitionsvertrag vorgezeichneten Weg sollten wir bei Berücksichtigung der neu hinzugekommenen Herausforderungen weitergehen. Im Koalitionsvertrag wird unter anderem von der Begleitung des Strukturwandels gesprochen, die sich an den Kriterien Guter Arbeit orientieren soll. Industriepolitisch wird auf die Ermöglichung einer klimaneutralen und einer dem Menschen dienenden Wirtschaft orientiert, ein Dreiklang aus der Vereinbarkeit von Ökonomie, Ökologie und dem Sozialen solle sich in allen wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Landesregierung widerspiegeln.
Die Unterstützung von Initiativen zur sozial-ökologischen Umgestaltung der Wirtschaft und die Prüfung eines Transformationsfonds zur sozialen Abfederung der Umwandlung von Industriestandorten sind ebenso im Koalitionsvertrag verzeichnete Ziele wie die Förderung von neuen, zukunftsfesten Arbeitsplätzen. Dies soll in enger Kooperation mit Gewerkschaften und anderen Partner*innen geschehen. Auch würde durch die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe gerade die für das produzierende Gewerbe in den wichtigsten Thüringer Sektoren wirkende Abhängigkeit von weltwirtschaftlichen Entwicklungen gemindert. In diesem Rahmen wären jetzt unsere konkreteren Vorstellungen für Konjunkturhilfen zu formulieren.

