Die letzte Seite: Lena Saniye Güngör liest „Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ von Julia Friedrichs

Lena Saniye Güngör
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Julia Friedrichs hat es mit ihrem neuesten Buch „Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ wieder einmal geschafft den Finger ganz nah am Puls der Zeit zu haben. Nach ihren vorherigen Büchern, unter anderem zu den Themen, was Erben mit Menschen macht, wer Elite und wer Unterschicht ist und was das nun genau bedeutet (alle sehr empfehlenswert!), geht es nun, wie der Titel schon vermuten lässt, um die sogenannte Working Class. Allerdings sei an dieser Stelle vermerkt, dass diese Bezeichnung vor allem in Ermangelung eines deutschen Synonyms verwendet wird. So ordnet Friedrichs zu Beginn ein, dass weder die Begriffe „Mittelschicht“, noch „die kleinen Leute“ abbilden, was Working Class heute bezeichnet. Denn klassische Arbeiter, die morgens ans Fließband, in die Kohlegrube oder ins Stahlwerk gehen, gibt es in Deutschland nur noch wenige. Vielmehr besteht die Working Class heute vor allem aus Menschen im Dienstleistungssektor, 450-Euro-Kräften, Saisonarbeitenden. Menschen also, die knapp Mindestlohn bekommen, und gerade so viel verdienen, dass sie über die Runden kommen. Mehr jedoch nicht. Altersvorsoge, schöner Urlaub, größere Wohnung? Fehlanzeige. Von Vermögensaufbau ganz zu schweigen.


Vor allem aber zeichnet sich die heutige Working Class dadurch aus, dass sie viel migrantischer, viel weiblicher, viel diverser ist als noch vor 50 Jahren. Arbeiter sind nicht mehr Ungelernte, die keine andere Möglichkeit haben, als schlechter bezahlte Stellen anzunehmen. Denn Bildung ist nicht mehr das Versprechen, automatisch einen sicheren und gut bezahlten Job mit Aufstiegschancen zu erhalten. Vielmehr ist sie zur Grundvoraussetzung geworden, auch nur die Chance auf eine gesicherte Einkommenslage zu erhalten.


Anhand dreier Leben führt das Buch durch die Pandemie: ein Interviewpartner ist als Reinigungskraft in den Berliner U-Bahnen unterwegs, einer versucht nach schwerem Unfall wieder in seinen alten Bürojob zurückzufinden und ein Paar hangelt sich trotz Doktortitel durch Honorarverträge an Musikschulen. Sie alle waren vor Corona bereits schlecht gestellt, ein Monatsgehalt von der Armut entfernt. Mit dem Risiko zu erkranken und bei der Arbeit auszufallen oder gar den Job ganz zu verlieren in einer Zeit, in der etliche Branchen kurz vor dem Zusammenbruch stehen, hängt ihr Lebensunterhalt am seidenen Faden. Sie alle haben unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Familien- und Bildungswerdegänge. Und doch verbindet sie vor allem eines: ihre Vermögenssituation. Keiner der vier ist in der Lage, Einbußen abzufedern oder etwas zurückzulegen.


Eingebettet in Expert:inneninterviews, versucht Friedrichs zu ergründen, was mit dem sozialen Teil der sozialen Marktwirtschaft passiert ist und wie sich manche auf dem Rücken von vielen bereichern. Sie spürt den kleinen Rissen in unserer Gesellschaft nach, um zu verstehen, wie sie beinahe unbemerkt (abhängig davon, wen man fragt) zu tiefen, schier unüberwindbaren Gräben werden konnten.


Im Dezember 2021 konnte ich Julia Friedrichs für eine Lesung gewinnen und wir haben nicht nur über ihr Buch gesprochen, sondern auch darüber, was die Working Class in Ost und West bräuchte, um wirkliche Unterstützung für diejenigen ohne Vermögensrücklagen zu schaffen. Neben der Idealvorstellung einer völligen Umwälzung der Vermögensverhältnisse, braucht es vor allem eine stärkere Lobby für die Working Class. Gewerkschaften schwächeln seit der Wiedervereinigung in Bezug auf Mitgliedszahlen, aber auch Kirchen, Verbände und Vereine, die sich in der Vergangenheit für Zusammenhalt und Teilhabe einsetzten, haben deutlich an Einfluss verloren. Doch selbst mit einer starken Lobby, die sich gegen Arbeitgebendenverbände und Outsourcingbemühungen zur Wehr setzen könnten, gibt es auch Probleme, die sich nicht durch gesellschaftliches oder gewerkschaftliches Engagement lösen lassen. Steigende Kosten für Lebensmittel und Miete lassen sich kaum durch Streiks bewältigen.


Was sich allerdings bewältigen lässt, und wo wir als LINKE weiterhin in der Pflicht sind, sind faire Löhne, Verhinderung von Honorarbeschäftigungen gerade so unter der Stundengrenze, um die Einklage auf Festanstellung zu umgehen, und der Versuch das Reißen der Gesellschaft aufzuhalten.


Es hält sich wie mit der Pandemie: wir schaffen es nur gemeinsam!
 


 

„Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“; Piper Verlag, 320 Seiten; 22€
Zum YouTube Video der Lesung mit Julia Friedrichs: www.youtube.com/watch?v=nTZElXSJsEE