Außer Haus: Wenn der Thüringer Landtag ins Stadion umziehen muss
Etwas Besonderes im Besonderen fällt zuerst gar nicht auf. Erst wenn man eine Weile den Plenardebatten zugesehen hat, rückt das wiederkehrende Bild ins Bewusstsein: Zwischen allen Redner*innen taucht eine Frau am Pult auf, desinfiziert die Ablage. Das Mikrofon trägt einen Plastiküberzieher. Abgeordnete mit Mund-Nasen-Schutz. Ein Parlament in Zeiten der Corona-Krise.
Der praktische Infektionsschutz ist nicht das einzige, was am Thüringer Landtag in diesen Tagen anders ist. Schon allein, dass das Parlament außer Haus tagt, gibt dem Ganzen einen Charakter des Außergewöhnlichen. Im Erfurter Steigerwaldstadion, nur ein paar Minuten Fußweg vom Landtag entfernt, sind die Abgeordneten in den vergangenen zwei Wochen gleich vier Mal zusammengekommen. Auf eine Sondersitzung mit Regierungserklärung von Bodo Ramelow folgte eine „normale“ Plenarwoche mit drei Sitzungstagen.
Normal war da nicht viel, vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass so eine Plenarsitzung auch ein organisatorisches Großunternehmen ist. Schon unter den üblichen Bedingungen im Landtag. Da müssen Dokumente ausgedruckt, Reden geschrieben, Informationen verteilt werden. Und ein Kaffee für die Pause der Abgeordneten wäre auch nicht schlecht. Das alles zu organisieren, hatte die Geschäftsstelle der Linksfraktion jede Menge zu tun.
Eigentlich finden in der Multifunktionsarena des Erfurter Steigerwaldstadions Seminare, Messen oder Kulturveranstaltungen statt. Nun also die Landespolitik, das Parlament ist zu Besuch. Nicht ganz freiwillig, denn es hätte eine Alternative gegeben – das halbe Parlament im Landtagsgebäude beraten zu lassen. Eine Abgeordnete der rechtsradikalen AfD verhinderte dies, was „nicht gerade billig“ wurde, wie die „Thüringer Allgemeine“ berichtet. Die Kosten für die Sitzungen „außer Haus“ in der Arena liegen bei 25.000 Euro pro Tag.
Anders konnte die Landtagsverwaltung den Infektionsschutz aber nicht sicherstellen. Es geht dabei vor allem um Abstand, und zumindest den gibt es in der Arena ausreichend. Viel Platz ist in dem großen, lichtdurchfluteten Parksaal, eine Zeitung schrieb, „entlang der Regierungsbank und dem Präsidium ließe sich locker ein 60-Meter-Lauf absolvieren“. Wie viele Meter die Frau vom Landtag wohl am Ende dieser vier Sitzungstage hinter sich gebracht hat, die nach jeder Rede Pult, Ablage und Mikrofon desinfizieren musste?
In der Thüringer Linksfraktion kennt man die Arena schon, Anfang März trafen sich die Abgeordneten und Mitarbeiter*innen dort zu einer Klausur. Von einer Corona-Krise sprach da noch niemand, aber dass die Pandemie ein großes Thema werden würde, davon hatten einige schon eine Vorahnung. Auch Bodo Ramelow, der sich tags darauf auf den Weg in Kanzleramt nach Berlin macht, um dort mit anderen Ministerpräsidenten die ersten weitreichenden Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsrisikos zu verabreden. „Wir sind hier in einen Sturm geraten, den keiner von uns so zuvor erlebt hat“, so hat der Thüringer Ministerpräsident und LINKE-Politiker diese Situation unlängst in einem Interview geschildert.
Knapp zwei Monate nach dem Termin im Kanzleramt hält Ramelow in der Arena seine Regierungserklärung. „Die Corona-Pandemie hat uns vor die größte Bewährungsprobe seit der Wiedergründung unseres Freistaates vor 30 Jahren gestellt“, sagt er in dem Konferenzsaal, rechts von ihm weiße Tische, vor ihm weiße Tische, alles in gebührlichem Abstand. Eine Art Nachbau des wirklichen Landtags. Ein Außer- Haus-Parlament in historischen Zeiten.
Nach der Debatte zur Regierungserklärung, die – abgesehen von den rhetorischen Ausfällen der rechtsradikalen AfD – in ernsthaftem, der Corona- Krise angemessenem Ton verläuft, geht die erste Lesung des Mantelgesetzes und der Ausgestaltung des Sondervermögens zur Thüringer Krisenhilfe über die Bühne. Es geht um viel Geld, etwa eine Milliarde Euro. Geld, das als Schutzschirm für Beschäftigte, für Vereine, für die Wirtschaft, für Eltern, die Gesundheit, für Kultur dient. Bis zur Beschlussfassung über Mantelgesetz und die Ausgestaltung des Sondervermögens werden der Landtag und seine Ausschüsse noch einige Male zusammenkommen müssen.
Wann man wieder an der Erfurter Jürgen-Fuchs-Straße tagen kann, hängt nicht zuletzt vom Verlauf der Pandemie ab. Einer Pandemie, die den Landtag außer Haus geschickt hat. PR

