13. März 2018

Nr. 5/2018, Seite 4: »Das Massaker von Mechterstädt«

»Das Massaker von Mechterstädt«
1920 ermordeten Verbindungsstudenten in Mechterstädt 15 Arbeiter

Der Thüringer CDU-Landtagsabgeordnete und Burschenschafter Stefan Gruhner beklagte jüngst »fehlendes Geschichtsbewusstsein« der Landesregierung gegenüber der Geschichte der Studentenverbindungen. Wahrscheinlich stößt ihm auf, dass die Regierung die Geschichte differenziert betrachtet und sich nicht in geschichtsklitternder Lobhudelei ergeht, wie sie in Studentenverbindungen bis heute üblich ist (siehe den Beitrag von Christian Schaft in dieser Ausgabe).

von PAUL WELLSOW

Dabei hatte das zuständige Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung in seiner Antwort auf Gruhners Anfrage nicht einmal Bezug genommen auf ein Ereignis, dass sich 1920 in Thüringen ereignet hatte - und das einen ganz speziellen Blick auf die Geschichte von Studentenverbindungen in Thüringen wirft. Am 25. März 1920 wurden bei Mechterstädt 15 Arbeiter von Verbindungsstudenten des »Marburger Studentenkorps« ermordet. Der Wissenschaftler Bruno W. Reimann schrieb: »In Mechterstädt sind im Kontext der Arbeiterunruhen nach dem Kapp-Putsch am 25. März 1920 fünfzehn Arbeiter auf einem Gefangenentransport von Sättelstedt nach Gotha auf brutalste Weise ermordet worden. Diese Geschehnisse weisen weit über den lokalen Rahmen hinaus. Sie legen eine grundlegende Problematik und Schwäche in der Konstruktion der Weimarer Republik frei. Die Weimarer Republik war das Ergebnis eines Soldatenaufstandes und einer Arbeiterrevolution. Sie wurde nicht von den traditionellen Eliten in Bürgertum, Universitäten, Militär, Politik, Justiz getragen. Diese befanden sich von Anbeginn in einer putschistischen Lauerstellung.« In den anschließenden Gerichtsverfahren blieben die Mörder straffrei. »Auf diese Weise wurde mit der militärischen Niederschlagung von Arbeiterunruhen nicht nur die politische Arbeiterschaft, sondern auch die Demokratie selbst, deren wichtigste Aufgabe die Integration von widerstreitenden Gruppen ist, geschwächt«, schrieb Reimann in seiner 2016 veröffentlichten Begleitbroschüre zur Ausstellung »Das Massaker von Mechterstädt« (Eckhaus Verlag, Weimar).

Der Gewerkschafter Johann Seehofer formulierte damals drastischer: »Wer die bestialisch zugerichteten Leichen gesehen hat, der wird mir sicher zustimmen, dass Individuen, die solcher Taten fähig sind, nicht nur heute in sturmbewegter Zeit, sondern immer eine Gefahr für ihre Mitmenschen bilden.« Auch Bodo Ramelow, Thüringer Ministerpräsident, fand in seinem Geleitwort zur Broschüre Reimanns 2016 deutliche Worte. Die Morde seien »Zeichen der Gewalt, der Willkür und der Menschenverachtung«. Er forderte: »Diese Bluttat darf niemals vergessen werden.« Wenn Stefan Gruhner nun über die Geschichte der Verbindungsstudenten in Thüringen sprechen will, sollte er nicht nur an das Wartburgfest oder an gesellige Bierrunden denken, sondern auch an das »Massaker von Mechterstädt«. Am 20. März jähren sich die Morde wieder. An den Gedenksteinen bei Thal und Mechterstädt werden sicherlich auch in diesem Jahr zum Gedenken Blumen niedergelegt.

Bruno W. Reimann: Das Massaker von Mechterstädt 1920, Eckhaus Verlag, Weimar, 2016.

Dietrich Heither / Adelheid Schulze: Die Morde von Mechterstädt 1920. Zur Geschichte rechtsradikaler Gewalt in Deutschland, Taschenbuch, Metropol Verlag, Berlin, 2015.

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